Lieber Farin…











Lieber Farin,

Du erinnerst Dich sicher an die Wahlen in Bayern vor einigen Wochen. Die CSU hat ein gar unglaubliches Debakel erlebt und sowohl Beckstein, als auch Huber sind erst einmal raus, Seehofer ist drinnen. Und heute hat unser neuer Ministerpräsident sein Kabinett vorgestellt.

Neue Sozialministerin wird die bisherige CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer.

Christine Haderthauer war die erste Person, die nach dem Bekanntwerden des Wahlergebnisses ihren Rücktritt angeboten hat, da sie die Veranwortung für den Wahlkampf hatte. Ihr Rücktrittsangebot wurde abgelehnt, weil Huber meinte, man wolle “kein Bauernopfer”. Trotzdem kann man ihr wohl kaum die Verantwortung abnehmen. Man muß es leider so sehen, Christine Haderthauer hat versagt. Sie war nicht die einzige, aber sie hat es definitiv getan. Aber in der Politik ist Versagen kein Grund, ausgeschlossen zu werden. Ganz im Gegenteil sogar, man bekommt sein eigenes Ministerium. Man sollte meinen, man gibt Ministerien nur an die Besten, aber irgendwie… ich weiß nicht, Farin, aber irgendwie scheint es Ministerien zu geben, die nicht so wichtig sind. In diesem Fall das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familien und Frauen.

Das Aufgabenspektrum des Ministeriums ist vielfältig. Im Vordergrund stehen die sozialpolitischen Probleme und die Erarbeitung konkreter Lösungsvorschläge. Dies beinhaltet Aufgaben in der Familienpolitik, der Arbeitsmarktpolitik, der Frauenpolitik, der Kinderbetreuung der Betreuung von behinderten Menschen sowie Politik für Senioren, Asylbewerber und Aussiedler.

Das sind also alles Gebiete, die man ruhig einer Frau in die Hand geben kann, die es nicht geschafft hat, der CSU alte Wahlergebnisse zu verschaffen? Super, die Frau, die mit verantwortlich ist, daß die CSU in Bayern(!!) versagt hat, soll mich vertreten? 

Ich will aber eigentlich nicht auf Christine Haderthauer herumhacken. Ich mag sie nicht, aber ich kenne sie auch nicht richtig. Ich habe sie jetzt nur als Beispiel für ein Phänomen genommen, das man in der Politik immer wieder beobachtet. Politiker versagen auf voller Linie. Macht nichts. Gibt man ihnen ein Ministerium. Bilde ich mir das nur ein, oder ist Dir das auch schon mal aufgefallen? Der Herr Seehofer kann davon ja auch ein fröhliches kleines Liedchen singen.

Ich finde, das ist der perfekte Moment, um John Lydon zu zitieren.

Ever get the feeling you’ve been cheated?

Deine marta



Lieber Farin,

tut mir leid, daß ich mich verhältnismäßig lange nicht gemeldet habe, aber ich hatte so gar nichts zu sagen. Kurze Zeit dachte ich, da wäre was, aber dann habe ich mich dagegen entschieden. Heute habe ich nicht viel mehr zu erzählen,  aber ich dachte, ich tue es trotzdem, nicht, daß Du denkst, ich würde nicht mehr schreiben.

Hast Du den Wahlkampf in Bayern verfolgt? Ich auch nicht. Nein, war ein Witz. Natürlich war ich immer voll dabei. Meine Stimme ist auch schon längst abgegeben. Und weißt Du, was wirklich lustig ist? Ich hatte Dir in dem einen Brief doch geschrieben, daß ich denke, die Verantwortlichen würden den Wahltermin immer in den Herbst legen, damit niemand zur Wahl erscheint, weil ihm das Wetter einfach zu schlecht ist. Tja, heute ist das Wetter ganz großartig.

Ich bin mir in der Zwischenzeit aber sowieso sicher, daß ich falsch gelegen bin und die Wahltermine etwas mit dem Oktoberfest zu tun haben. Ich denke, daß man die Leute mit Brot und Spielen beschäftigt, damit sie die Wahl vergessen. Wenn sie sich aber doch noch vor der Wiesn schnell an die Wahlurnen gehen, dann sollen sie doch bitte in Dirndl und Lederhosen erscheinen, damit sie ihre Herkunft nicht vergessen.

Jetzt sagen ja auch viele, daß sie nicht zur Wahl gehen, weil das eh nichts bringt. Immer eine gute Einstellung, findet Du nicht? Dabei ändern gerade diese Nichtwähler unheimlich viel. Nimm die beiden letzten Wahlen in Bayern, 2003 und 1998. Eine deutlich klügere Person als ich, die ich aber gut kenne, hat da so einiges ausgerechnet. Ich versuche das jetzt einfach mal, zu rekonstruieren.

Als kleine Vorbemerkung, erwähne ich nur mal einfach so, daß die CSU in Bayern 2003 eine Zweidrittelmehrheit hatte.

Laut dem BR haben 1998 69,8% der Wahlberechtigten ihre Stimmen abgegeben, 2003 waren es dann nur noch 57,1% (Schande über Bayern).

1998 hat die CSU 52,9% der abgegebenen Stimmen für sich verzeichnen können, die SPD 28,7%. Rechnet man nun 69,8 x 0,52 kommt man auf 36,29.

2003 hat die CSU 60,7% der abgegebenen Stimmen für sich verzeichnen können, die SPD nur noch 18,6%. Rechnet man hier jetzt 57,1 x 0,6 kommt man auf 34,26.

Wenn ich jetzt nicht komplett falsch liege, bedeutet das, daß das 2003 eigentlich weniger Menschen die CSU gewählt haben, aber durch die Nichtwähler trotzdem einen höheren prozentualen Anteil bekommen haben. Das bedeutet doch auch, daß die Nichtwähler entscheidend dazu beigetragen haben, daß die Zweidrittelmehrheit entstanden ist. Super.

Und weißt Du, was der BR jetzt sagt? Um 14.35 am Wahlsonntag? Dass die Wahlbeteiligung rückläufig ist und das historische Tief von 2003 noch unterboten werden könnte.

Manchmal hasse ich Bayern.

Deine demoralisierte marta



Hey Farin,

ich nochmal.

Nachdem wir in Bayern ja kurz vor den Landtags- bzw. den Bezirkstagswahlen stehen, habe ich mir meine Wahlunterlagen zuschicken lassen. Ich hasse es, mich an verregneten Sonntagen (und machen wir uns nichts vor, an Wahlsonntagen regnet es immer und es ist kalt – es ist gar so, als wollten diejenigen, die Wahldaten festlegen nicht, daß wirklich alle stimmberechtigten Bürger kommen) aus dem Haus zu schleppen und dann Schlange zu stehen (ich hasse Schlangestehen, ich habe überhaupt keine Geduld). Dann sitzt man doch auch immer auf diesen Miniaturstühlen und muß sich weit nach unten beugen und sich das Kreuz verrenken, weil Wahlen ja immer in 1. Klasszimmern stattfinden müssen (ein weiter Hinweis darauf, daß es eine Verschwörung gibt, die Menschen von den Wahlurnen fernzuhalten). Und weil das alles nicht reicht, gibt es immer das Weib in der Neben“kabine“, das versucht, zu sehen, was man ankreuzt.

Nein, wirklich, ich gehe nicht gerne wählen, obwohl ich gerne wähle. Deswegen Briefwahl.

Ein weiterer Vorteil der Briefwahl ist, daß man sich ausführlich mit den gelisteten Parteien auseinandersetzen kann. Ich liebe es, mir die Berufe der einzelnen Personen durchzulesen, und sie dann in Relation zu der Partei zu setzen, für die sie antreten (ich habe da so eine Theorie über Hausmeister und ihre Affinität zu rechtsgerichteten Parteien).

Besonders aufgefallen ist mir dieses Mal eine Dame, die für die NPD antritt (ich werde nicht sagen, wie ihr Name ist, oder auf welchem Wahlschein sie auftritt, weil ich ihr keinen einzigen Hit gönne, NDP-Schnepfe!). Weißt Du, was diese Dame von Beruf ist? Fremdsprachenassistentin. Ich weiß nicht, was eine Fremdsprachenassistentin tut, aber ich glaube, es hat was mit Sprachen zu tun. Mit fremden Sprachen. Sprachen, die aus dem Ausland kommen. Stop me if I’m wrong, aber hat die NPD nicht was gegen Ausländer?

Ich habe die Dame selbst auch noch nicht aus dem Internet herausgesucht – wie gesagt, kein Hit soll die haben – von daher weiß ich nicht, wie sie aussieht, aber ich habe eine Vorstellung: Mitte Ende 40, wahrscheinlich irgendwo in der Sachbearbeitung tätig, breite Hüften, dunkelgrünes Halstuch mit kleinen Rehen darauf, „Lady Diana in den 80ern“-Haare. Ich habe auch eine Vorstellung von ihrem Leben: Als junges Mädchen wollte sie bestimmt viel reisen und irgendwann dann in Paris wohnen. Sie hat sich in ihren Träumen oft gesehen, wie sie auf der Champs-Élysées Café au Lait aus einer Bol trinkt, und Männer, die Alain Delon ähnlich sehen, sie aus der Entfernung anbeten, „Oh, Mademoiselle, vous êtes très jolie…!” mit ihren Lippen formen und ihr dann von Garçon ein Glas Pernot bringen lassen.

Nur so ist es nicht gelaufen, oder NPD-Schnepfe? Die Wirklichkeit hat ganz anders ausgesehen. Du warst in Paris und auch auf der Champs-Élysées und hast Deinen Traum vom Café au Lait in der schönsten Stadt der Welt wahrmachen wollen, koste es, was es wolle. Und der Café au Lait hat viel gekostet, oh ja. Er hat praktisch Dein Reisebudget gesprengt. Es hat auch keinen jungen hübschen Garçon gegeben, der Dir zugezwinkert hat, als er Dir Deine Tasse hingestellt hat. Und es hat auch keinen Alain Delon-Verschnitt gegeben. Dafür hat Dein Knie Bekanntschaft gemacht mit der Hand eines Algeriers, der sich einfach neben Dich gesetzt hat und Dich nicht in Ruhe gelassen hat. „Je veux te baiser!“ Das hat er zu Dir gesagt, oder nicht? Und seitdem hasst Du Ausländer, denn ein einziger von ihnen hat Dir Deinen Traum zerstört.

Ich nehme an, die Dame hat irgendeinen Spießer geheiratet und mit ihr zwei Kinder bekommen. Eins ist ein Mädchen und heißt Brigitte. Was Brigittes Mutter nicht weiß, ist, daß Brigitte mit einem Senegalesen fummelt. Der hat wahrscheinlich nicht mal ne Aufenthaltsgenehmigung. Oh oh, da wird der Ärger groß sein, wenn der Senegalese unsere liebe Brigitte schwängert.

Wie gesagt, daß sind alles nur meine Vermutungen, ob ich mit irgendeiner Sache richtig liege, werde ich wohl nie erfahren, denn wie gesagt, nachschlagen werde ich die Dame nicht. Ich werde nur immer weiter in die Welt schreien, daß da jemand ist, der Fremdsprachenassistentin ist, die für die NPD antritt.

Hast Du Dir eigentlich mal die NDP-Liste angesehen? Da sind ein paar Namen drauf, die nicht wirklich deutsch klingen. Ob man das ausländerfeindlichen Stellen melden sollte? Vielleicht kann man der NPD ein paar Nazis auf den Hals hetzen.

Wie sieht es bei Dir eigentlich mit dem Wählen aus? Ich gehe davon aus, daß Du natürlich zur Wahl gehst. Ich auch. Immer. Ich kenne allerdings Leute, die nicht wählen, weil sie davon ausgehen, daß das eh nichts bringt. Ja, aber nicht zu gehen bringt so viel mehr, oder was? Schwachköpfe. Wählen ist wahrscheinlich die einzige Bürgerpflicht, die ich wirklich ernst nehme. Da spielt für mich auch ein kleines bisschen Genugtuung mit, weil ich das Gefühl habe, ich könnte mit meiner Stimme irgendwem vor den Karren fahren (wie sieht es aus, Miss NPD’08?). Da kann ich meiner Überzeugung, dagegen zu sein, Ausdruck verleihen.

Ich bin auch wirklich gespannt, was dieses Jahr bei der Wahl herauskommt, nachdem 2003 mich irgendwie schockiert hat (falls Du es nicht mitbekommen oder vergessen hast, damals gab es in Bayern eine Zweidrittelmehrheit für die CSU). Mal sehen, wie sehr es sich eins-zwei-drei-vier-Beckstein-alles-muß-versteckt-sein und sein Freund Sancho Huber mit den CSU-Wählern verscherzt haben.

Ich sage Dir nicht, für wen ich stimmen werde, aber ganz ehrlich, Beckstein hat sich mit seiner „2 Maß über sechs Stunden gehen schon“-Aussage jede Chance auf meine Unterstützung versaut (wenn er die denn jemals hatte). Ich bin kein Antialkoholiker, um Gottes Willen nein. Die Male, die ich Lagnesefahnen schwenkend und lauthals grölend durch die Fußgängerzone gezogen bin, kann ich nicht mal mehr zählen (vielleicht erinnere ich mich nur einfach nicht mehr), aber ich bin gegen Alkohol am Steuer. Ich bin strikt gegen Alkohol am Steuer. Keiner muß fahren, nachdem er getrunken hat. Ist doch so.

Ich verstehe sowieso nicht, warum Deutschland mit Alkohol so lax umgeht. Schau Dich mal um, wir sind eins der wenigen Länder, das Menschen im Wachstum Alkohol erlaubt (Gut, ich war mit 16 schon lange ausgewachsen, aber es gibt ja auch immer noch die Jungs, die vor den Sommerferien 1,60m sind und danach plötzlich mit dem Kopf an die Decke stoßen). Ist mir egal, ob Bier nicht so stark ist, oder Wein auch nicht, die Teenies brauchen nicht zu trinken, zumindest nicht mit staatlicher Unterstützung (mir ist natürlich klar, daß sie es so oder so tun). So, wollte ich nur mal gesagt haben.

Die Bürgerin marta



et cetera
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