Lieber Farin…











Liebster Farin,

Du weißt, ich bin ein Fan des Guardian-Kulturteils (ich bin ja so international…). Und jetzt habe ich auch noch eine neue Lieblingskategorie: Überlange Filme auf eine Seite in Drehbuchform zusammengefasst. Heute, Der Baader-Meinhof-Komplex.

The Baader Meinhof Complex

By Paul MacInnes (with apologies to Stefan Aust, Uli Edel and Bernd Eichinger)

INT. BONN – DAY
1971. ANDREAS BAADER and GUDRUN ENSSLIN are having hot passionate sex in a somewhat dirty FLAT. Next to their BED lie large PILES of REVOLUTIONARY TRACTS and even larger PILES of CIGARETTES

ANDREAS
(gruffly)
Ja, Kitti!

GUDRUN
(even more gruffly, like a bear with a sore throat)
No liberation without sexual liberation!

ANDREAS
(exhaling a small, quivering sigh)
I concur wholeheartedly.

ANDREAS rolls off GUDRUN and lights FIVE CIGARETTES.

ANDREAS
Why was it that we became violent revolutionaries again? It’s a question I often ask as I while away the hours shooting pigs.

GUDRUN
(still gruff, like a lumberjack who’s missed her lunch)
The past is immaterial! The present is fleeting! The future is ours! But if you must know, it had something to do with American imperialism and wearing black leather. Oh, and my father was a pent-up priest. Other than that, go figure.

ANDREAS
Sounds good to me; let’s go blow up some police stations!

INT: STAMMHEIM PRISON. DAY.
ULRIKE MEINHOF is writing. As you would expect of a prisoner in SOLITARY CONFINEMENT, she is wearing smart, fashionable clothing, smoking TWENTY CIGARETTES and listening to the radio. The VOICE we hear is that inside ULRIKE’S HEAD. It is reading what ULRIKE is writing.

ULRIKE: Whatever the modest motives that sprang my colleagues to a frenzied and ultimately pointless spree of violence, they are like a bubbling fountain when compared to mine own. A celebrated journalist, with a happy family and successful career writing trenchant, wordy critiques of the west, I suddenly turned into a cold-blooded terrorist overnight. And I was ultimately responsible for the attack on Stern newspapers that split the movement and caused the police to hunt us down like animals. At least, I think I did, it was never quite clear. Now I am in solitary and going mad. But for what reason? Could it really be simply because my husband stared at a woman’s breasts in this movie’s very first scene?

ULRIKE looks around her CELL as if for inspiration. It takes some time as the cell is so BIG. She pauses.

ULRIKE
Ooh, it’s time for Any Questions on the World Service.

INT: BONN.
The well-appointed offices of the CHIEF of FEDERAL POLICE, HORST HEROLD, as played by BRUNO GANZ, whom you may remember as Adolf Hitler in the 21st century movie classic, Downfall. He is serving LOBSTER SOUP to two SUBORDINATES.

HORST HEROLD
I should inform you that I am being played by Bruno Ganz, whom you may remember as Adolf Hitler in the 21st century movie classic, DOWNFALL.

SUBORDINATES
Of course we do Führer. Er, we mean, Sir.

HORST HEROLD
That means I’m a symbol of the generation of Germans complicit in the Nazi era, a generation younger Germans distrust and resent – helping inspire the sort of violent action we find in this movie.

SUBORDINATES
We see.

HORST HEROLD
That said…

SUBORDINATES
Excuse us, would you mind if we began our soup?

HORST HEROLD
Oh please, go ahead… That said, I am also the moral centre of this film. This is because I both understand the resentments of the terrorists and…

SUBORDINATES
(with mouthfuls of soup)
Believe that a properly functioning democracy is the best way to bring about change?

HORST HEROLD
Exactly! Which, of course…

SUBORDINATES
(still soupy-mouthed)
…is exactly what your deradicalised 21st century audience will want to hear?

HORST HEROLD
Exactly! Somebody really should give you boys a promotion. Now, back to that hijacked airliner in Mogadishu…

Es beruhigt mich, daß der Film wohl auf allen Sprachen albern wirkt.

marta



Bonjour Farin,

Ignes Ponto hat ja bereits ihr Bundesverdienstkreuz zurückgegeben, um gegen den Film Der Baader-Meinhof-Komplex zu demonstrieren.  Jetzt will sie anscheinend auch noch gerichtlich vorgehen.

Nach Informationen des SPIEGEL will Ignes Ponto gerichtlich gegen die Münchner Produktionsfirma Constantin Film vorgehen und so erreichen, dass die Szene der Ermordung ihres Mannes Jürgen Ponto zukünftig nicht mehr gezeigt werden darf. Das Kinowerk verfälsche die wahre Geschichte.

Ich verstehe sie schon. Der Film ist absolut schlecht und geht gerade bei dem Ponto-Mord vollkommen rücksichtslos mit großer Sensationsgeilheit an die Sache heran. Das war unnötig, besonders weil die Filmemacher bei dem Buback-Mord peinlich genau darauf geachtet haben, eben nicht zu zeigen, wer ihn erschossen hat, nicht einmal ob Mann oder Frau. Wenn sie da also berücksichtigen konnten, daß es fraglich ist, wie alles abgelaufen ist, warum nicht auch beim Ponto-Mord? Warum haben sie anstatt der Szene nicht einfach fünf Minuten lang (Vinzenz Kiefer als) Peter-Jürgen Boock gezeigt? Ist der nicht Fahrer bei der ganzen Sache gewesen und hat draußen im Auto gewartet? Das wäre nicht spannend gewesen, meinst Du jetzt? Das sehe ich aber anders. Kiefer und die anderen hübschen Leute sind doch nur als Schauspieler ausgesucht worden, weil sie so hübsch sind und weil es dem Zuschauer dann mehr Spaß macht, sich diese drei-Stunden-Litanei anzusehen.

Aber ich schweife schon wieder ab.

So sehr ich auf Ignes Pontos Seite bin, so sehr würde ich mir doch wünschen, daß sie endlich aufhört, dem Film unverdiente Publicity zu verschaffen. Meinst Du, Bernd Eichinger interessiert sich für ihre Anliegen? Er mit Sicherheit nicht. Er reibt sich höchstens die Hände, denn für jeden weiteren, von ihr ausgelösten Skandal laufen noch mal 20.000 Menschen mehr ins Kino. Diese Menschen kann der Film gut gebrauchen, weil er bis jetzt ja nicht sooo erfolgreich war.

Hast Du übrigens das Interview gelesen, daß Bettina Röhl mit Corinna Ponto geführt hat? Darin heißt es,

Corinna Ponto: Der Film beschönigt nichts“ – so hieß es allenthalben. Das sehen wir speziell für „unsere Szene“ konträr anders. An unserer Szene ist, wie ich bereits sagte, fast alles falsch! Exaktheit und Phantasie werden in diesem Film unklar verteilt: Geschichtlich sehen wir ein Berlin ohne Mauer und ein Deutschland ohne DDR. Wenn es aber um die dargestellte Umgebung der Terroristen geht, wurde genau recherchiert; so wurden die Klo-Schüsseln im Stammheimer Gefängnis originalgetreu rekonstruiert oder wieder verwendet. Stammheimer Prozess-Tonbänder wurden von den Schauspielern 200 Mal als historisches Material angehört, um möglichst den authentischen Ton zu treffen. Bei den Umständen des 30. Juli 1977 hingegen beruft man sich auf die spielfilmbezogene „künstlerische Freiheit“, vermutlich auch als juristische Absicherung.

Bettina Röhl: Worin bestehen die historischen, tatsächlichen Fehler genau?

Corinna Ponto: Die vier verantwortungslosesten Fehler sind: Erstens: Meine Mutter saß nicht, wie im Film dargestellt, ladylike und unbeteiligt während des Attentates auf der Terrasse, sondern sie saß im ziemlich abgedunkelten Raum erstarrt am Telefon, sieben Meter von ihrem Mann entfernt, als er erschossen wurde. Sie wurde also zu einer direkten Zeugin der Mordtat. Wäre diese korrekte Darstellung eine allzu parteiergreifende  Emotionalisierung gewesen? Stellen Sie sich bitte einen Film über das Attentat auf Kennedy vor, und Jackie Kennedy säße in einem folgenden Begleitfahrzeug. Ginge dies auch als künstlerische Freiheit durch?
Der zweite schwerwiegende Fehler ist die verniedlichende, fast verspielte Darstellung der Susanne Albrecht  – eine komplette Fehlbesetzung. Die damals 27 Jahre alte, groß gewachsene Susanne Albrecht hatte zu der Zeit einen athletisch gut trainierten, braun gebrannten Körper, wahrscheinlich von Ausbildungscamps gekräftigt; die Backen und Augenlider waren drogen-geschwollen; sie hatte an dem Tag eine fast perückenartige Lockenfrisur. Sie sprach und bewegte sich sehr schnell. Und essentiell wichtig, um ihre Tat korrekt einschätzen zu können: es fehlen im Film ihre beiden vorbereitenden Spionagebesuche inklusive Übernachtung in den zwei Monaten zuvor, bei denen ich sie selbst erlebt habe. Übrigens fehlt im Film auch der nach der Ermordung meines Vaters am 30. 7. 1977 erfolgte, bis heute unaufgeklärte Sprengstoffanschlag am 5. August im bewachten Garten.
Dritter Fehler: Brigitte Mohnhaupt trug, passend zum Kostüm, ein gelbes Rundum-Kopftuch, aus dem keine einzige Haarspitze hervorkam. Auch hier ein Beispiel für gravierende Beschönigung. Denn nur mit Haarband und voller Haarpracht konnte man natürlich die Figur der Terror-Barbie Mohnhaupt im Film so sexy entwickeln. Das Kopftuch war aber der Grund, weshalb meine Mutter und auch zweite Zeuge, Herr M., die Täterin Mohnhaupt zunächst nicht identifizieren konnten.

Bettina Röhl: Was war der vierte Fehler?

Corinna Ponto: Der wohl unverzeihlichste Fehler ist die Darstellung des Todes meines Vaters selbst. Es war ein lautloser, fast geräuschloser, unheimlich stiller Tod, denn die Pistolen hatten Schalldämpfer, und es ging alles sehr schnell. Das lärmende Knallen der Pistolen, das ausgekostete Röcheln und der brutalisierte Todeskampf sind von der Regie erfunden worden.

Ich finde ganz interessant, was Corinna Ponto da sagt. Es geht nur um eine kurze Szene von vielleicht 3 Minuten, aber da gibt es schon so viele Ungenauigkeiten. Jetzt rechne das mal auf den gesamten Film hoch. Mag ja sein, daß Details nicht jedermann so wichtig sind, aber die Realität besteht nunmal aus Details, und wer die Realität abbilden will, der muß sich auch um diese Sachen kümmern.

Aber es geht Bernd Eichinger ja nicht um Realität, es geht ihm um einen Oscar, den er hoffentlich wieder nicht bekommt. Nichts würde mich mehr freuen. Schon allein, weil er alle wichtigen Dinge aus dem Film herausgelassen hat, mit denen er irgendwem Wichtiges auf die Füße treten könnte. Die Verantwortung des Verfassungsschutzes mit seinen V-Leuten, die Hilfe, die die DDR den Terroristen geleistet hat, und nicht zuletzt die Rolle, die die Verteidiger der Terroristen gespielt haben. Es ist nunmal so, daß mehr als nur ein Anwalt Kassiber u.ä. ins Gefängnis geschmuggelt haben. Und es ist nunmal auch so, daß Otto Schily einer der Anwälte im Stammheimer Prozeß war. Ob er auch etwas geschmuggelt hat, vermag ich natürlich nicht zu sagen, aber trotzdem ist seine Rolle im Prozeß und den daraus resultierenden Gesetzesänderungen nicht unwichtig. Aber hätte man ihn mit in den Film gepackt, hätte Otto Schily sich vielleicht aufgeregt und das hätte Bernd Eichinger natürlich nicht riskieren wollen.

Ich sollte mich nicht über die Ponto-Witwe und ihre Werbung für den Film ärgern, wenn ich genau das gleiche mache. Von daher verbleibe ich mit vielen Grüßen,

marta



Hey Farin,

das wollte ich Dich schon länger fragen. Der Brief ist angefangen rumgelegen, aber ich habe ihn nie fertig geschrieben.

Magst Du Volker Bruch eigentlich? Ich finde ihn schon toll. Nur etwas jung vielleicht, aber toll. Ich beobachte ihn schon länger (nicht wirklich, Du weißt schon, mehr so, was macht er? welche Filme? also nicht irre, stalkermäßig beobachten, oder so) und ich muß sagen, daß ich ein kleines bißchen Angst um ihn habe. Hoffentlich läßt er sich nicht verheizen.

Ich verstehe ja, daß ein Schauspieler arbeiten muß und will und dass er sich deswegen auch zu Rollen hinreißen läßt, die er besser nicht spielen sollte, aber Volker, in Gottes Namen, mußte es Der Baader-Meinhof-Komplex sein??? Farin, hast Du den eigentlich gesehen? Habe ich Dir erzählt, daß ich jetzt doch im Kino war (ich wurde eingeladen)? Spar Dir den Film (nach drei Minuten wollte ich eine Stange Zigaretten rauchen und nach zehn wollte ich ein Auto klauen und in der Feilitzschstraße gegen den Kulturimperialismus der Amerikaner im deutschen Kino demonstrieren). Volker Bruch hätte ein Lichtblick sein können und sollen, aber leider grinst er die meiste Zeit nur leicht debil vor sich hin. Dabei ist er so ein toller Schauspieler. Wirklich.

Hast Du Nichts ist vergessen (an dieser Stelle hatte ich irrtümlicherweise zuerst Das Opfer stehen, habe aber jetzt festgestellt, daß ich da die zwei Titel durcheinander gebracht habe) gesehen? Da war er unglaublich gut. Gut, der Film an sich war so lala, aber er war wirklich wirklich wirklich gut.

Heute kommt Machen wir’s auf Finnisch. Unter uns, Farin, ich bin kritisch. Hoffentlich wird irgendwann jedem klar, daß Volker Bruch zu gut für solche Sachen ist. Das sind Filme, die sollte man Darstellern aus Seifenopern überlassen, aber nicht Volker Bruch. Er ist zu gut für Kommerz. Das weiß er aber, glaube ich, noch nicht. Wenn er es wüßte, hätte er sich wohl auch Der rote Baron gespart.

Ich hoffe, Volker Bruch wird eines Tages über diese Filme genauso locker reden können, wie Michael Caine über Der weiße Hai 4 – Die Abrechnung (Gott, was für ein Titel).

I have never seen it, but by all accounts it is terrible. However, I have seen the house that it built, and it is terrific.

Deine marta

NACHTRAG: Und Farin? Was sagst Du heute, zwei Tage nach der Ausstrahlung von Machen wir’s auf Finnisch? Kann man nicht viel sagen, oder? Außer vielleicht, daß Volker Bruch normalerweise zu gut ist für so etwas, aber es dieses Mal gar nicht war. Das war mal eine wirklich schlechte Darstellung eines finnischen Metalmusikers.

Solltest Du Volker Bruch jemals treffen, dann sag ihm doch einen schönen Gruß von mir, und als Faustregel sollte er sich merken, daß Filme, deren Titel eine sexuelle Anspielung beinhalten, nichts sind (natürlich gibt es ein paar lobende Ausnahmen, aber der am Samstag gehörte nicht dazu).

Eins muß ich noch loswerden. Besonders schlimm war der Bandwettbewerb, bei dem Matti (Bruch) dann wieder singen sollte, aber dann einen Asthmaanfall hatte, den er aber – Gott sei Dank – Kraft seines Willens und seines Vertrauens zu dem Mädchen überwunden hat. Bei Karate Kid geht so etwas ja noch (obwohl es da nicht Asthma war), aber bei so einem Film??? Das war schon echt schlecht.



et cetera
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