Lieber Farin…











Hallo Farin,

ich habe in einigen Blogs gelesen, daß manche Blogger die Suchbegriffe, die zu ihren Seiten geführt haben kommentieren. Ich glaube, ich will das auch machen. Nicht bei allen, denn um ehrlich zu sein, ist da ne ganze Menge abartiges Zeug dabei (da schreibt man ein Mal was über Liebe, Sex & Zärtlichkeit…), aber bei manchen Begriffen hatte ich sehr viel Spaß (bei manchen hatte ich keinen Spaß, finde sie aber trotzdem erwähnenswert).

kampffisch nest zerfällt – Ich muß unbedingt herausfinden, über welche Verknüpfungen dieser Suchtext zu unserem kleinen Briefwechsel geführt hat.

lee pace find ich toll – Wer tut das nicht?

gibt es ein foto von cobain und pfaff? – Ich bin mir sicher, daß es das gibt, aber gerade habe ich keins gefunden. Dafür aber eins von Kate Moss und ihrem persönlichen Junkie. Man bekommt fast das Gefühl, daß da Drogensüchtige über einen Kamm geschert werden.

in wade gebissen – Hehe.

labrassbanda – Olé olé Grand Prix! Ich denke über eine Unterschriftenaktion nach.

röchelte asthmaanfall – Klingt nach keinem guten Tag.

scrabble duden review – Es gibt also mehr Leute, die sich über dieses Buch freuen. In meinem Bekanntenkreis haben ganz viele so getan, als wäre diese Neuigkeit gar nicht so spektakulär. Aber was wissen die schon?

harzer misanthrop – Schweig still mein pochend’ Herz!

Jens Harzer

Das Foto stammt nicht aus dem gesuchten Stück, aber was macht das schon, wenn das Bild einfach gut ist? Morgen höre ich auf. Wirklich.

monhaupt deutschlandradio kultur - Jaaaa, man kommt auch über ernsthafte Begriffe zu uns! Kannst Du mir sagen, Farin, ob es da eine Sendung gegeben hat? Interessant klingt es.

dekollete sperma – Ich bin mir nicht sicher, ob ich wissen möchte, wie diese beiden Begriffe zusammenpassen. Ich nehme aber mal an, daß es was mit der Phantasie, es Frauen mal so richtig zu geben, zu tun hat. Muß ja ein tolles Gefühl sein, wenn man da so richtig… Ist es ohne nicht so toll, oder was? Macht es erst richtig Spaß, wenn noch ein bißchen Erniedrigung dazu kommt?

porno küssen zärtlichkeit – Da wir schon beim Thema sind… Wie paßt das zusammen? “Hey Baby, ich geb’s dir gleich richtig wild!” – “Oh ja, bitte, mein geiler Hengst, mach’s mir! Nur bitte mach die Kerzen dabei an und lege ein bißchen romantische Musik auf, während du mir liebevoll den Rücken streichelst. Aber den Dildo will ich auch!” Oder ist das die neue Version von dem, was bei uns noch “Liebe, Sex & Zärtlichkeit” war? Auch die BRAVO verändert sich.

dreck sau – Ich mag besonders die Leerstelle zwischen den beiden Worten. Wer weiß, wohin “Drecksau” uns geführt hätte? Wie kommt man denn damit zu uns?

m94,5 spacken – Wieder ein Suchtext, bei dem ich mich frage, wie er entstanden ist.

farin jenny elvers – Darüber reden wir nicht. Nein, nein, nein. Die Tusse kann uns beiden gestohlen bleiben. Stimmt’s Farin? Andererseits müssen wir uns alle dann und wann unserer Vergangenheit stellen.

marcel reich-ranicki tegernsee – Was hat denn Reich-Ranicki mit Tegernsee zu tun? Da sind eine Menge alte Nazis begraben.

reich ranicki yoda – Aaaaah!!! Das ist einer meiner absoluten Lieblingssuchtexte. Tatsächlich habe ich auch schon oft gedacht, daß es zwischen den beiden eine starke Ähnlichkeit gibt.

Yoda - Reich-Ranicki

critopher lee – Die perfekte Mischung aus Dracula und den Critters.

toni berger boandlkramer youtube – Einer, der die Wahrheit kennt!

15-jährige verkaufen selbst gedrehte pornos auf dem schulhof - Zu unserer Zeit haben sie wenigstens noch Drogen verkauft. Aber wer will denn bitte seine Mitschüler sehen, wenn sie es miteinander treiben? Oder hatte nur ich häßliche Mitschüler?

wie verkauf ich selbstgedrehten porno – Weiß nicht, frag mal ein paar 15-Jährige.

sind koteletten cool – Was ist das für ne Frage? Peter Hayes, Alter!

Peter Hayes

kein bartwuchs koteletten – Geduld, mein kleiner Jedi. Der Bart wird kommen und dann wird er umso cooler sein.

extreme erniedrigung spucken porno video – Junge, du lebst an einem dunklen dunklen Ort.

pro/kontra für/gegen friedrich-flick gymnasium – Tatsächlich ist die Entscheidung, die Schule umzubenennen gefallen. Der Bürgermeister von Kreuztal hat vor der Abstimmung eine sehr beeindruckende Grundsatzrede gehalten, über die wir mal reden sollten.

Das war dann mal ein kleiner Querschnitt durch die Suchanfragen. Sonst hat es noch unheimlich viele Star Wars-Anfragen gegeben; manche davon an das generell sehr beliebte Pornothema gekoppelt (manchen Menschen ist überhaupt nichts heilig). Dann gibt es immer mal wieder was zu Maximilian Brückner (der Spatz) und auch zu Volker Bruch (was mich sehr freut, weil vor ein paar Monaten noch kein Hahn nach ihm gekräht hat – zumindest  im Internet nicht so wirklich).

Deine marta



Liebster Farin,

hast Du es gelesen oder davon gehört? Marcel Reich-Ranicki sollte einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk bekommen, hat ihn dann aber unter großen Getöse abgelehnt.

Reich-Ranicki philosophierte auf der Bühne zunächst über zahlreiche Preise, die er schon erhalten habe und sagte dann, er sei diesmal in einer schwierigen Situation. Und dann: “Ich nehme diesen Preis nicht an”, so Reich-Ranicki. Er gehöre nicht hier her. Zunächst glaubte mancher an einen Scherz. Doch es war keiner. Reich-Ranicki: “Ich gehöre nicht in die Reihe dieser Preisträger.”

Das ist schon eine wirklich schwere Woche für Herrn Reich-Ranicki. Erst trifft das Nobelkommitte eine Entscheidung, mit der Reich-Ranicki nicht einverstanden ist und dann wird er auch noch mit so einem Ärgernis belästigt. Und das war ja auch überhaupt nicht absehbar. Nein, nein, nein, daß diese ganze Veranstaltung vollkommener Schwachsinn sein würde, war überhaupt nicht abzusehen.

Oder vielleicht doch? Zwei Hinweise hätte es da eventuell doch gegeben.

1) Thomas “Busenwitz” Gottschalk war als Moderator vorgesehen

2) Die Nominierungen waren zum Teil unter aller Sau

Ich spreche jetzt nicht von den Nominierungen für die Kategorien “Bester Fernsehfilm/Mehrteiler” oder “Beste Dokumentation”. Mir geht es um “Beste Realitysendung” (es ist fast wie Kratzen mit langen Fingernägeln auf einer Tafel, findest Du nicht?). Erstens ist die Kategorie als solches eine Frechheit und zweitens werden da Sendungen wie “Die Ausreißer” mit “Deine Chance! 3 Bewerber – 1 Job” gleichgesetzt.

Hast Du eine von den Sendungen mal gesehen? “Die Ausreißer” ist tatsächlich eine gute, vielleicht auch wichtige Sendung, da sie auf obdachlose Jugendliche aufmerksam macht (Ein Sozialarbeiter, dem man deutlich ansieht, daß es nichts gibt, was dieser Mann noch nicht gehört hat, sucht nach Jugendlichen, die von daheim weggelaufen sind).  “Deine Chance…” ist eigentlich eine ganz einfache Castingshow. Drei Kandidaten (“Das ganze Leben ist ein Quiz…” – das Leben immitiert mal wieder die Kunst) treten gegeneinander an, wenn es darum geht, ihren “Traumjob” zu bekommen (man kann mir erzählen, was man will, ich glaube einfach nicht, daß so viele Menschen wirklich Nageldesigner werden wollen). Das ganze ist ein Schaukampf, so wie alle Castingsendungen, einschließlich der Menschenverachtung. Vor jeder Aufgabe werden die Kandidaten oder Bewerber gefragt, wie sie sich einschätzen, bevor gezeigt wird, wie sie dann tatsächlich abgeschnitten haben. Oft sagen die Damen und Herren, daß sie überzeugt sind, bei der nächsten Prüfung sehr gut abzuschneiden, weil sie sozial ja so unheimlich viel drauf haben/beim Entwerfen von Nageldesigns schon immer gut waren/die anderen so schlecht abschneiden werden, daß sie selbst gut dastehen werden. Natürlich läuft es so nie. Immer versagen die Kandidaten genau bei dieser Prüfung und werden durch einen gehässigen Spruch des Sprechers für ihre Überheblichkeit abgestraft.

Natürlich müssen sich das Leute gefallen lassen, wenn sie freiwillig Teil einer solchen Sendung sind, aber nur, weil es so ist, muß ich sie doch nicht unbedingt danach behandeln, oder? Sag mir, wenn ich falsch liege, aber wir reden hier von 17- bis 21-Jährige, die oft schon geraume Zeit nach Lehrstellen gesucht haben. Und die Sendung nutzt ihre Verzweiflung schamlos aus.

Den Kandidaten wird zu Beginn der Sendung ein bestimmtes Profil gegeben, um zu zeigen, wie unterschiedlich die drei sind. Da gibt es dann gerne mal die Schüchterne, die gegen den Selbstsicheren und die immer Lustige antritt. Und wenn sich die Damen und Herren mal nicht entsprechend ihrer Rollen verhalten, werden die Aufnahmen einfach so zusammengeschnitten, daß es schon irgendwie paßt. Daß die drei nach der Sendung mit den Stempeln, die sie aufgedrückt bekommen haben, leben müssen, ist dem Sender herzlich egal. Aber warum sollte es ihn auch bedrücken, wird er doch mit einer Nominierung für den Deutschen Fernsehpreis belohnt.

Das bringt uns dann auch wieder zurück zu Marcel Reich-Ranicki. Habe ich schon erwähnt, daß ich den Mann mal unheimlich bewundert habe? Wirklich. Mein einziger richtiger Kontakt zur deutschen Literaturszene war dieser Mann. Hast Du sein Buch gelesen? Ich war selten so beeindruckt. Wie kann man so in deutscher Literatur aufgehen, obwohl das Land einen fast getötet hat? Solltest Du das Buch noch nicht gelesen haben, lies es. Warte nicht auf den Film, denn dem wird es nicht möglich sein, das Geschehene angemessen rüberzubringen. Abgekommen von Reich-Ranicki bin ich erst, als ich ihn mal bei der Feier zu einer weiteren Ehrendoktorwürde für ihn erlebt habe, und oh mein Gott, hat der sich schlecht benommen. Ehrlich, das war unglaublich. Nach den ganzen Reden ging man über zum Sektempfang, und da wollten natürlich einige Menschen (es haben im Ganzen nur drei gewagt) mit dem Ehrengast reden, ihn wissen lassen, daß sie existieren. Und weißt Du, was der Mann gemacht hat? Er hat uns ignoriert! Uns alle! Wir haben ihn angesprochen, aber er hat sich nicht einmal umgedreht, sondern ist einfach gegangen. Ich verstehe, daß ständig irgendwelche Menschen etwas von ihm wollen und daß das sicherlich sehr nervtötend ist, aber trotzdem sollte man seine gute Manieren nicht vergessen, kosten sie doch nichts. Mein Schatten ist zu groß, als daß ich in dieser Sache darüber springen könnte. Gute Manieren sind mir wichtig, und wer sich für so wichtig hält, daß er sie nicht zeigen muß, kann mir gestohlen bleiben. SO! Du denkst jetzt sicher, daß ich nur beleidigt bin, weil er mich ignoriert hat, aber um mich geht es mir ausnahmsweise mal nicht. Er hat eine Mutter ignoriert, die ihren etwa 12-jährigen Sohn dabei hatte. Du hättest den Blick des Jungen sehen sollen, er war wirklich aufgeregt, und dann sehr enttäuscht.

Aber zurück zum Deutschen Fernsehpreis. Elke Heidenreich war auch da.

Empört ist Heidenreich, die im Publikum der Show saß, vor allem auch über den respektlosen Umgang mit dem 88-jährigen Großkritiker: “Ich dachte, was für eine Zumutung diese armselige, grottendumme Veranstaltung für ihn sein müsse. In jeder Hinsicht – einen so alten Mann lässt man nicht derart lange warten, und man mutet einem so intelligenten Mann nicht einen solchen stundenlangen Schwachsinn in hässlicher Kulisse zu.”

Ich muß ganz ehrlich sagen, daß ich es auch von ihr vollkommen albern finde, sich so zu echauffieren. Hätten ja alle schon vor der Veranstaltung ihre Meinung sagen können, dann wäre ihr ganzer Protest glaubhafter gewesen. Aber vielleicht ist man einfach ein kleines bißchen zu auszeichnungsgeil, um sich im Vorfeld über die Veranstaltung und über die Nominierungen zu informieren. Und dann, als klar war, daß das alles ein ziemlicher Blödsinn ist, mußte man irgendwie sein Gesicht wahren. Am besten durch einen albernen Skandal. Das hat Jenny Elvers früher auch so gemacht.

Deine marta

P.S.: Die Gewinner sind jetzt übrigens bekannt. Veronica Ferres ist unter ihnen. Bin ich zu dumm, ihr Genie zu erkennen, oder ist sie einfach keine gute Schauspielerin? Ich denke, sie ist das beste Beispiel, daß es sich lohnt, mit wichtigen Filmleuten zusammen zu sein. Dann kann man sich irgendwann auch ungestraft so wichtig machen, ohne auch nur ein Funken Talent zu haben.

P.P.S.: Ich habe noch einen schönen Artikel zu dem Thema gefunden (schön nicht nur, weil er meine Überzeugungen teilt). Darin heißt es,

Welch Ironie: Ausgerechnet der Dieter Bohlen der Literaturkritik schlug am Samstagabend mit seiner Kritik am deutschen Fernsehen wieder einmal so derart über die Stränge, dass sich alle über ihn empörten – und Marcel Reich-Ranicki wieder sichtlich glücklich ganz in seinem Element war. Dabei wäre es nicht verkehrt gewesen, handfeste Kritik am Deutschen Fernsehpreis zu üben.

Doch Reich-Ranicki machte aus seiner Rede gleich eine Pauschal-Kritik am deutschen Fernsehen, die eins beweist: Er kennt das deutsche Fernsehen, durch das er selbst erst große Berühmtheit erreichte, nicht mehr. Seine Kritik am gesamten deutschen Fernsehen anhand einiger fragwürdiger Auszeichnungen bei der 10. Verleihung des Deutschen Fernsehpreises – sie ist willkürlich. Denn auch in der Literatur kann ich an die falschen Bücher geraten – und würde nicht auf die Idee kommen, den Buchdruck oder das Medium zu verteufeln.



Lieber Farin,

hast Du gesehen, wer den Literaturnobelpreis bekommt? Kennst Du den Mann? Ich nicht, aber das ist nichts besonderes. Ich habe so einige Literaturnobelpreisträger nicht gekannt. Das frustriert mich aber nicht. Da steh ich voll drüber. Ich glaube nicht daran, daß der Nobelpreis noch sehr bedeutend ist. So einfach ist das.

Ich amüsiere mich aber gerade sehr über die Reaktion der deutschen Literaturkritiker. Hast Du den SpiegelOnline-Artikel dazu gelesen? Darin heißt es,

Mit Unverständnis hat Marcel Reich-Ranicki auf die Auszeichnung des Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio mit dem Literatur-Nobelpreis reagiert. Seit vielen Jahren hätte der US-Autor Philip Roth den Preis verdient, sagte Reich-Ranicki. Erneut sei der US-Autor aber leer ausgegangen. Er habe noch keines von Le Clézios Büchern gelesen, so der Kritiker.

Und nur weil ein Marcel Reich-Ranicki kein einiges Buch von Gustave Le Clézio gelesen hat, hat er den Preis nicht verdient? Vielleicht nimmt sich Herr Reich-Ranicki da etwas zu wichtig.

Schön ist auch,

Auch die Literaturexpertin Sigrid Löffler (“Literaturen”) zeigte sich befremdet. Gegenüber dem Sender MDR Info sprach sie von einer “einigermaßen bizarren Wahl”. Löffler bescheinigte Le Clézios Romanen ” Monotonie und Langweiligkeit”. Das habe viele Leser und auch sie selbst immer abgeschreckt.

Monotonie und Langweiligkeit? So so? Weil Günter Grass’ Werk so eine Feuerwerk an Esprit ist, oder was?

Ich sage Dir ganz ehrlich, daß ich die deutsche Literaturszene hasse. So richtig hasse. Aus Grundsatz sehe ich mir keine Literatursendungen mehr an, weil es den Damen und Herren, die sich für ach so wichtig halten, niemals wirklich um das Können des Autors geht. Ich bin der Überzeugung, daß ein guter Schriftsteller komplexe Gefühlsregungen in wenigen, einfachen Sätzen so beschreibt, daß ich als Leser ganz unwillkürlich darauf reagiere. Die meisten deutschen Schriftsteller (nicht die deutschsprachigen, nur die deutschen) haben keine Ahnung von der Kunst des Schreibens. Genau! Jetzt habe ich es gesagt und ich werde es mit Sicherheit auch nicht zurück nehmen!

Deutsche Schriftsteller haben immer das Bedürfnis, möglichst tiefsinnig zu wirken. Das ist ja jetzt nicht unbedingt schlecht, aber sie versuchen halt leider, diesen Eindruck durch möglichst komplizierte und unverständliche Satzbauten zu erreichen. Beispiel gefällig?

Aber sobald ich mich an den fernen Geschützdonner der Schleswig-Holstein, die eigentlich als Veteran der Skagerrakschlacht ausgedient hatte und nur noch als Schulschiff für Kadetten taugte, sowie an die abgestuften Geräusche von Flugzeugen erinnern will, die Stukas genannt wurden, weil sie hoch überm Kampfgebiet seitlich abkippten und im Sturzflug mit endlich ausgeklinkten Bomben ihr Ziel fanden, rundet sich die Frage: Warum überhaupt soll Kindheit und deren so unverrückbar datiertes Ende erinnert werden, wenn alles, was mir ab den ersten und seit den zweiten Zähnen widerfuhr, längst samt Schulbeginn, Murmelspiel und verschorften Knien, den frühesten Beichtgeheimnissen und der späteren Glaubenspein zu Zettelkram wurde, der seitdem einer Person anhängt, die, kaum zu Papier gebracht, nicht wachsen wollte, Glas in jeder Gebrauchsform zersang, zwei hölzerne Stöcke zur Hand hatte und sich dank ihrer Blechtrommel einen Namen machte, der fortan zitierbar zwischen Buchdeckeln existierte und in weißnichtwieviel Sprachen unsterblich sein will?

Leck mich, Grass!

Es ist nicht so, daß ich nicht verstehen würde, was er mit diesem einen Satz bezweckt. Nein, nein, das ist mir schon klar. Es ist ein künstlerischer Handgriff, der uns beweisen soll, wie merkwürdig das Leben sein kann, paßt es doch in einen Satz, obwohl es so viel erlebt hat. Siehst Du, wie er klar macht, wie genial Die Blechtrommel war? Und kapierst Du auch, daß er Dir in diesem Absatz sagt, daß er dieses Stück absoluter Genialität schon in sehr jungen Jahren geschrieben hat?

Leck mich Grass! Leck mich kreuzweise!

Für wen schreibt Grass? Ich denke, er schreibt für dieses verfluchte feuilletonsüchtige Publikum, das jedes Buch auf der Spiegel-Bestsellerliste liest und das sich heute sofort mit den Büchern von Gustave Le Clézio eingedeckt hat. Man will ja mitreden können. Habt Ihr kein eigenes Denken, Ihr verdammten Lemminge? Immer am Puls der Zeit der Literatur, aber nichts verstehen. Ich hasse Euch!

Ich bin praktisch nie im Literaturhaus, meide Lesungen, genauso wie Literatursendungen im Fernsehen, denn ich hasse dieses bourgeoise Pack, das sich immer gerne an ein Bonmots aus dem letzten Mankell erinnert. Natürlich war ich ein paar Mal, denn ich habe gedacht, man müßte dabei sein. Das eine Mal ging es um Joyce und ich mag Joyce (Hey Grass, wenn Du mal nen langen Satz sehen willst, lies Joyce!). Das Pack hatte seine Ausgaben von Ulysses dabei. Aber weißt Du, wie diese Ausgaben ausgesehen haben? Wie Schmuckstücke. Mit hübsch eingefärbten Einbänden und goldenen Seitenrändern. Die sehen bestimmt hübsch aus in ihren Bücherregalen. Aber benutzt werden sie nicht. Bücher muß man benutzen, man ihren Inhalt in sich aufsaugen. Aber den verstehen diese Philister ja nicht. Sie lesen ein Buch, aber sie lesen es nicht. Weißt Du, was ich meine, Farin? Ein Buch wirklich zu lesen, bedeutet voll einzutauchen und zu leiden, wenn die Seiten sich dem Ende zuneigen. Und es bedeutet, den Inhalt ignorieren zu können, wenn die Erzählweise ihn um weiten überbietet.

Weißt Du, was an dem Joyce-Abend passiert ist? Das Pack ist eingeschlafen! Natürlich nicht alle, aber doch so einige. Manche sind nach einer halben Stunde gegangen, weil sie ja doch nicht verstanden haben, was dort vorne auf dem Podest geredet wird. Aber ich wette, daß sie am nächsten Tag jedem ihrer Freunde berichtet haben, daß sie da gestern bei einer Veranstaltung im Literaturhaus waren. Ganz großartig war es da, werden sie erzählen. Und sie werden sich an einen einzigen Satz erinnern, den sie dann immer wieder als Beweis anführen, daß sie auch wirklich da waren.

Oh, ich bin sehr aufgebracht. Ja ja, sehr aufgebracht.

Ich denke, ich muß jetzt ein bißchen Ukulele üben, um mich zu beruhigen.

marta

P.S.: Der erste Online-Buchversand hat mir gleich eine Werbung für die Bücher von unserem neuen Literaturnobelpreisträger geschickt.

P.P.S.: Herrn Reich-Ranicki habe ich mal sehr verehrt, dann habe ich festgestellt, daß mir eine eigene Meinung zusteht.



et cetera
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