Mein liebster Gitarrenheld,
weißt Du noch, wie’s früher war…?
Ich kann Menschen nicht ausstehen, die immer sagen, früher war alles besser, aber leider haben sie so oft recht.
Weißt Du noch, wie es war, als es in Deutschland Musikfernsehen gegeben hat? Richtiges Musikfernsehen. Fernsehen, das Musik spielt und Videos zeigt und über Bands informiert. Das war mal so.
Erinnerst Du Dich an On the Air mit Clive Pears auf SuperChannel? Wie cool war das? Oder auch MTV früher? Kannst Du Dich an Vanessa Warwick und Headbanger’s Ball erinnern? Glaub mir, jedes Mädchen, das halbwegs cool war, kennt ihren Namen heute noch und spricht ihn nur mit großem Respekt aus. Adam Curry ist auch so ein Name, der noch in meinem Kopf herumschwirrt. Steve Blame. Pip Dann war eines meiner Idole. Und was ist mit Paul King und Greatest Hits? Und Ray Cokes und Most Wanted? Dann VIVA. Auch wenn ich fast keinen der Moderatoren mochte (Phil Daub, ruf mich an!), wünsche ich sie mir doch alle zurück. Ehrlich. Sogar Niels Bokelschlagmichtot. Und sogar – und ich habe nie gedacht, daß ich das jemals sagen würde – Mola Adebisi. Nein, Moment, das nehme ich zurück. Mola irgendwie doch nicht.
Wer mir persönlich am meisten fehlt, der Mann, der meine Pubertät ein ganzes Stück schwieriger gemacht hat, Toby Amies.
Wie viele Nächte habe ich mir mit Alternative Nation um die Ohren geschlagen? Wie oft habe ich Toby Amies einfach nur angestarrt? Wie sehr bannt mich das Bild noch heute?
Weißt Du, warum dieses Musikfernsehen so viel besser war, als es heute ist? Man hat was gelernt. Ja klar, irgendwann hat man mal Englisch gelernt, aber das meine ich nicht. Ich meine, man hat etwas über Musik gelernt. Jeder einzelne Moderator hat sich die Mühe gemacht, Informationen über Bands weiterzugeben. Neues Album? Anderer Produzent? Neues Bandmitglied? Das waren alles Sachen, die man erfahren hat, wenn man sich die Sendungen angesehen hat. Sogar bei Most Wanted, obwohl da die Musik eher Nebensache war.
Gott, weine ich der alten Zeit hinterher. Ich möchte niemals wieder auch nur einen Tag pubertierend sein, aber das Fernsehen von damals wünsche ich mir zurück. SuperChannel, MTV, MTV2, VIVA, VIVA 2, VH1… was waren das für Zeiten?
Was ist heute anders? Nun, fangen wir damit an, daß die Sendungen nichts mehr mit Musik zu tun haben. So viel Zeichentrick, daß man sich wie bei Disney fühlt. Da bringt es auch nichts, wenn die Dialoge obszön sind. Jetzt erwähnt einer Beavis and Butthead. Klar, das war auch Zeichentrick. Aber es war anders. Es war die perfekte Mischung aus Unterhaltung und Musikfernsehen, die sich auf einer Metaebene befunden hat. Das sehe nicht nur ich so.
Mit Beavis and Butthead wurde das Musikfernsehen sich seiner selbst bewußt. Ähnlich wie bei Marijne kam es auch hier nicht auf die inhaltsorientierten Passagen an (Sendung dort, Geschichte hier), sondern auf die narrativ völlig unverorteten Kommentierungen von Video vom Sofa aus. Das einzige Element der Sendung, das ihr Schöpfer Mike Judge noch selber zeichnete, nachdem er die Gestaltung der Geschichten an ausgebildetete Animationszeichner übertragen hatte. Bei aller gelegentlichen Kurzweil dieser Geschichten muß man doch feststellen, daß hier strukturell kein Unterschied zu jedem anderen Zeichentrickfilm bestand. Nur die Passagen auf dem Sofa überschritten die Fiktionsebene und vermischten sich mit der Ebene des übrigen MTV-Programms. Sich als Sender MTV über zwei Proleten lustig zu machen, die sich Videos auf MTV anzugucken war von nicht zu überbietender paraliptischer Brillanz. Wenn Fernsehkritiker behaupteten, solche Dauerberieselungskanäle wie MTV würden die Jugendlichen zu einer phlegmatischen Existenz auf der Couchgarnitur zwingen und sie zu blöden Glotzern machen, dann konnte MTV auf Beavis and Butthead zeigen und sagen, daß eine solche Existenz tatsächlich fürchterlich wäre und daß man die Kids mit einer solchen lustigen Aufklärung zu einer viel selbstbestimmteren Lebensweise anhalten würde. Uns Zuschauern gab es die Möglichkeit, durch das Lachen über diese Idioten und ihr beschränktes Leben, uns in der Metaversion von Beavis’ und Buttheads Leben einzurichten. Wir wußten ja wenigstens, daß wir eigentlich ganz anders könnten, unser blödes Glotzen war selbst gewählt und deshalb waren wir keine Opfer. Wenn wir die Videos in demselben Gekrächze wie Beavis kommentierten, dann konnten wir Proll sein ohne es zu sein. Dachten wir jedenfalls. Eine wunderbare Sendung, die dann leider durch tägliches Abgenudel auf verschiedenen Sendeplätzen so arbiträr wurde, daß wir sie nicht mehr rezipieren konnten.
Was ist passiert? Wann ist all das Gute einfach so verloren gegangen?
Man hat nicht mehr darauf geachtet, wen man als Moderator einstellt. Die meisten der alten Ikonen hatten selbst Bands oder waren wie Kurt Loder Journalisten (wobei der natürlich nicht wirklich zählt, weil man in Deutschland nicht so viel von ihm mitbekommen hat). Das macht viel aus.
Wen haben wir mit den Jahren bekommen? Kleine Mädchen, die Schauspielerinnen werden wollen (Jessica Schwarz, Collien “ungesund dünn” Fernandes). Oder kleine Mädchen, deren Papas wichtig sind (Sarah “zu hohl um sich die Namen der Bands die in der eigenen Sendung auftreten zu merken” Kuttner, Nina “hohler als hohl” Eichinger). Oh Gott, wie haben die Lieder anmoderiert? “Und wenn Ihr nach der Werbung noch dran seid, dann sag ich Euch, bei welchem Lied ich das erste Mal Sex hatte”. Ich hasse Sarah “echt ich hab das Buch ganz alleine geschrieben wenn alleine heißt daß Lektoren und Ghostwriter sich die Finger wundgeschrieben haben” Kuttner. “Also, das waren jetzt die Jungs von Subways… Und ja genau, die kommen dann auf Tour.” Die Jungs von den Subways, liebe Eichinger-Tochter, bestehen zu 33,33% aus Mädchen. Muß man ja nicht wissen, wenn man für einen Musikfernsehsender arbeitet.
Und weißt Du, wen wir noch nicht brauchen? Markus Kavka. Ich weiß, der war angeblich mal Musikjournalist beim Metal Hammer, aber sag mir eins, Farin, warum weiß ihn da keiner zu schätzen? Warum machen seine ehemaligen Kollegen ihn via Print so fertig, daß die laufenden 1,60m, denen sämtliche Haare ausgehen sich im Fernsehen darüber beschweren müssen? Wir reden hier von einem Springer-Blatt. Kann es einfach daran liegen, daß Markus Kavka keine Ahnung von Musikjournlismus hat? Ein Verdacht wäre seine Art der Anmoderation. Bei jedem Lied zieht er ein Foto von sich aus der Tasche und sagt, welchen schlechten Haarschnitt er hatte, als das Lied herausgekommen ist. Ist das ein ganz kleines bißchen Ich-bezogen und überhaupt nicht informativ? Ich würde sagen ja.
Ich hatte einen kurzen Hoffnungsschimmer, als MTV Joko Winterscheidt einstellte. Zu Anfang hat er den Eindruck gemacht, als würde er sich wirklich Mühe geben, die alten Zeiten wieder aufleben zu lassen, aber dann hat MTV ihm langsam aber sicher das Hirn ausgesaugt. Ich habe in meinem Leben vielleicht zehn Ausgaben von MTV TRL gesehen, die letzte am Wochenende. Joko hat nur von Autogrammen auf Schwänzen und geil geil geil geredet. Oh Junge, was ist mit Dir passiert?
Es bleiben zwei, die das Erbe weitertragen könnten. Jan Köppen und Klaas Heufer-Umlauf. Die Macht scheint stark in diesen beiden. Schade, daß zumindest einer diese Macht nicht nutzen, sondern Joko auf seinem Weg folgen wird. MTV hat eine neue Sendung mit diesen beiden angekündigt.
Als Ersatz für “TRL” startet MTV ab dem 12. Juni die neue wöchentliche Live-Show “MTV Home”. Das einstündige Format läuft immer freitags um 16:30 Uhr und wird sonntags um 11 Uhr wiederholt. MTV bezeichnet die Sendung als “etwas anderes Kaffeekränzchen”. Thematisiert werden sollen darin Themen aus den Bereichen Popkultur, Lifestyle, Gossip und – da werden die Ursprünge dann doch noch erkennbar – Musik. Dabei soll es “authentisch, radikal, absurd und provokativ” zugehen.
Dazu verspricht MTV Einspieler wie das “Terrorvideo der Woche”, “MTV Zuschauer-Cribs” oder überraschte Stars im “völlig bekloppten Interview”. Begleitet werden soll die Show natürlich auch online mit vorab gezeigten Einspielern, einem Blog und ähnlichem.
Für die Moderation holt sich MTV Verstärkung vom Schwestersender VIVA: So wird Klaas Heufer-Umlauf (Foto rechts oben) künftig bei MTV zu sehen sein. Gemeinsam mit Joko Winterscheidt zieht er in eine fiktive Männer-WG, das Setting der neuen Show. Unterstützung bekommen sie zudem von Palina Rojinski, die die Rolle der sexy Assistentin geben und sich um den Haushalt der Männer-WG kümmern darf – dabei aber gegen die beiden Hausherren austeilen soll.
Klingt das nicht schrecklich? Adieu Klaas Heufer-Umlauf. Man sprach schon häufiger davon, daß Du eher dämlich bist. Wer konnte wissen, daß es wirklich so ist?
Aber kommt es wirklich auf die Moderatoren oder die Sendungen an? Nein, tut es nicht. Musikfernsehen zeichnet sich durch Musik aus. Aber was ist denn heute? MTV spielt angeblich 16 Stunden am Tag Musik. 16? Welche 16 sind das? Immer, wenn ich einschalte, laufen amerikanische Datingshows oder Prominente auf der Suche nach der Liebe (Auf Rock of Love würde ich allerdings nur ungern verzichten). Wenn tatsächlich ein Lied gespielt wird, dann niemals bis zum Ende. Versteh mich nicht falsch, ich bin für eine strikte 2 1/2-3 Minuten Liedlänge, aber MTV übertreibt es.
Ich mag so einfach nicht mehr. Alben werden MP3-Playern und Playlists getötet und das Musikfernsehen frisst seine Kinder. Das ist nicht schön. Wo ist die Revolution?
marta
P.S.: Erinnerst Du Dich an die VIVA-”Freunde der Nacht”-Zwillinge? Natalie und Isabel Dziobek. Irgendwie hatten die beiden was. Die waren cool. Eine davon habe ich dank moderner Recherchetechnik gefunden. Sie nennt sich jetzt Dr. Isabel Dziobek und ist Psychologin und Autismusforscherin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Satt!
NACHTRAG:
Mal wieder beweist sich meine übersinnliche Begabung. Kaum schreibe ich in meinem Brief an Dich über die alten MTV-Leute, schon ist Kristiane Backer wieder überall. Letztens bei Maischberger und heute bei SpiegelOnline.
Da steht Kristiane Backer wäre jetzt 43. Wie alt bin ich denn dann? Fuck.
Da steht auch, Kristiane Backers Leben hätte aus Party Party Party bestanden. Kann man sich irgendwie nicht vorstellen, weil sie doch früher schon gewirkt hat, als hätte sie nen Stock verschluckt. Müssen dann ja wilde Partys gewesen sein.
Kristiane Backer hat zu Gott gefunden und hat auch ein Buch darüber geschrieben. Stellt sich nur die Frage, wann Sarah “wenn ich meinem Papa sage ich will zum Fernsehen dann macht er das auch möglich auch wenn ich eigentlich vollkommen talentfrei bin und mein Vater das sicherlich auch schon gemerkt hat” Kuttner zu irgendeiner Religion findet und ein Buch darüber schreibt, wie wild und ungezügelt ihr Leben als verwöhnte Göre war, bis sie dann endlich Madonnas Spuren zu Variationen des Judentums gefolgt ist. Man darf gespannt sein.
Übrigens ist einer der liebsten Suchbegriffe gerade “Joko Winterscheidt schwul”. Ist er das? Weiß er, daß die Leute ihn für schwul halten? Wird ihm das gefallen? Ich glaube nicht. Jemand, der so viel wert darauf legt, durch seine Sprache möglichst maskulin und cool (“Pussy” war auf Rock am Ring eins seiner Lieblingsworte), der wird nicht gerne hören, daß man ihn für schwul hält. Tja…
