Lieber Farin…











Hey Farin,

da denkt man, ein Jahr könnte einfach so vorbeigehen, aber dann stechen irgendwelche Nazis einen Polizisten nieder. War das so nötig? Ich versuche, dieses Pack auszublenden, weil man sich ja nur ärgert, wenn man sich mit ihnen auseinandersetzen muß. Nazis sind halt so gar nichts, so überhaupt nichts. Sie führen sich nur auf und stören uns, die schon genug damit zu tun haben, sich mit den wichtigen Dingen auseinanderzusetzen.

Willst Du mal wissen, welche Dinge Nazis in meinen Augen so besonders lächerlich machen?

1. Sie suchen sich Namen, die an Monty Python erinnern. Hat der Nazi, der Alois Mannichl niedergestochen hat, nicht (angeblich) gerufen, “viele Grüße vom nationalen Widerstand”? Wenn ich so etwas höre, muß ich immer an The Life of Brian denke.

“Seid ihr von der Judäischen Volksfront? – Verzieh dich! – Was? – Judäische Volksfront, Quatsch. Wir sind die Volksfront von Judäa!”

Mir ist klar, daß das jetzt nicht nationaler Widerstand kein wirklicher Name ist, aber ich weiß auch, daß die Herrschaften sich fetzige Gruppennamen gegeben haben, ich werde sie jetzt mit Sicherheit nicht aufzählen.

2. . Nazis haben Probleme damit, Dinge in den richtigen Zusammenhang zu setzen. Laut einen Artikel bei SpiegelOnline hat der in der Zwischenzeit verstorbene NPD-Mann Friedhelm Busse Alois Mannichl einen “demokratischen Schläger” genannt. Soll das eine Beleidigung sein? Ich sehe darin keine Beleidigung, denn es heißt ja nur, daß Mannichl die Regeln unseres Rechtsstaat – auf Demokratie basierend – rigoros durchsetzt. Nur, weil Nazis das von anderen Polizisten nicht kennen, sollten sie nicht so überrascht sein.

Vor allem aber empörten sich die Rechtsextremen darüber, dass Mannichl bei der Beerdigung von Busse im vergangenen Juli den NPD-Aktivisten Thomas Wulff festnahm und die Staatsanwaltschaft mit Mannichls Hilfe das Grab kurz danach wieder öffnen ließ. Wulff hatte eine Hakenkreuz-Fahne auf den Sarg gelegt; die Polizei holte sie aus dem zugeschaufelten Grab wieder heraus. Daraufhin beschimpfte Parteichef Voigt die Passauer Polizisten als “Handlanger des Systems”, unterstellte ihnen “Verfolgungswahn” und bezichtigte sie der “Grabschändung”.

Polizisten “Handlanger des Systems” zu nennen und das als Beschimpfung zu meinen, ist dumm. Natürlich sind Polizisten Handlanger des Systems.

Natürlich gibt es mehr als genug Dinge und Regeln in unserem Staat, die vollkommen albern und tatsächlich ein bißchen paranoid sind, aber wenn ich vor den Augen von Polizisten eine Straftat begehe, i.e. eine verbotene Flagge vor Polizisten in ein Grab lege, dann ist es nicht überraschend, daß die Polizisten das auch mitbekommen. Nur, weil die Nazis mit dem Rücken zu den Polizisten gestanden sind und so die Polizisten nicht gesehen haben, heißt es nicht, daß die Polizisten sie nicht gesehen haben. Das verstehen Kinder auch oft nicht.

3. Nazis wollen immer eine neue Rasse gründen, obwohl sie die letzten Menschen sind, die für so etwas in Frage kommen. Willst Du wissen, warum?

  • Sie sind dumm.
  • Sie sind abgrundtief häßlich. Ehrlich. Ist Dir schon mal aufgefallen, wie unfassbar häßlich diese Leute sind? Ich will nicht, daß die Zukunft dieses Landes aus so häßlichen Menschen besteht. Du etwa? Das Problem hat man mit Nazis ja schon lange. Schau Dir Hitler an, Göring oder auch Himmler. Hat einer von denen so ausgesehen, als ob er der Grundstein einer neuen Zivilisation sein sollte? Mal abgesehen davon haben sie sich ja auch nicht so wirklich fortgepflanzt (was auch ganz gut war), aber auch der, der Kinder in die Welt gesetzt hat wie ein Großer (Goebbels) war wirklich häßlich. Mir egal, ob er vielleicht charismatisch war, wenn er geredet hat, wenn wir in Zukunft vor seinen Nachkommen niederknien sollen, dann sollen das schöne Menschen sein.
  • Eine nicht unwesentliche Anzahl von ihnen sind arbeitslos. Das muß einen Grund haben. Will ich mich von Arbeitslosen versklaven lassen? Ich denke nicht. Klar, ich kenne das Argument, daß die Ausländer den Nazis die Jobs wegnehmen bla. Aber machen wir uns doch nichts vor, deutsche Arbeitgeber würden ihre Jobs lieber auch an deutsche Arbeitnehmer geben, wenn die denn die qualifizierteren Leute wären, aber das sind sie in dem Fall offensichtlich nicht. Vielleicht sollte der Nazi mal an Weiterbildung denken.

Okay, das waren ein paar Gründe, aber es gibt natürlich noch Hunderte mehr, warum Nazis mir auf die Nerven gehen. Wem gehen sie eigentlich nicht auf die Nerven?

Ich fände es schön, wenn alle Nazis der Welt sich zusammen eine Insel suchen würden. Dann könnten sie da ihre Herrenrasse gründen, auch wenn ich nicht glaube, daß die Herrenrasse lange überstehen würde. Aber egal. Auf der Insel könnten sich dann polnische Nazis mit russischen Nazis prügeln. Vielleicht könnten dann die deutschen Nazis auch noch mitmischen, um den Russen und den Polen zu zeigen, wie arisch sie sind. Und dann, als Schmankerl sozusagen, könnte man auch die acht Neonazis aus Israel dazustecken. Du weißt schon, ich meine die, die in Israel auf jüdischen Friedhöfen randaliert haben. Meinst Du, sie haben damit etwas bezweckt? Meinst Du, sie haben gedacht, sie würden damit etwas erreichen? Juden raus und so?!

Naja, auf jeden Fall könnten die ganzen Nazis der Welt zusammensitzen und sich prügeln und sich gegenseitig zu Tode langweilen. Hauptsache, sie lassen uns andere Menschen in Ruhe.

Wollte ich nur mal loswerden.

marta

P.S.: Ich will nicht, daß sich jemand ausgeschlossen fühlt. Natürlich gelten die gleichen Kritikpunkte auch für Radikale, die so links sind, daß sie rechts schon wieder zur Tür reinkommen. Dieses schöne Zitat stammt von einem Freund von mir und gepriesen soll er dafür sein.

NACHTRAG: Zum Thema “wenn ich dich nicht sehe, bist du auch nicht da – schau mal, wie dumm der Nazi ist”, habe ich gerade etwas hübsches gefunden.

1835. Hakenkreuzfahne sichergestellt

Passanten bemerkten am Sonntag, 21.12.2008, gegen 18.00 Uhr, eine Hakenkreuzfahne, die in einer im 2. Stock gelegenen Wohnung in der Raintaler Straße an der Wand aufgehängt war.
Da die Wohnung erleuchtet und die Vorhänge nicht zugezogen waren, war die Fahne von der Straße aus gut erkennbar. Die Passanten verständigten die Polizei, die daraufhin zu der Wohnung, die von einer 25jährigen Verkäuferin bewohnt wird, fuhr. Bei der Durchsuchung der Einzimmerwohnung konnte neben der Hakenkreuzfahne auf dem PC der Verkäuferin eine Datei festgestellt werden, die den Titel „NPD Schulhof-CD“ trug. Daraufhin wurde der Computer sichergestellt.
Ferner konnten in der Wohnung zwei Schlüsselanhänger mit Hakenkreuzemblem und eine Ausgabe des Buches „Mein Kampf“ festgestellt werden. Über die 25jährige Wohnungsinhaberin lagen bislang keine polizeilichen Erkenntnisse vor; sie wurde nach den erforderlichen polizeilichen Maßnahmen wieder entlassen.

Wie dumm ist das Weib denn? So dumm, so furchtbar dumm… Aber ordentlich. Da hat sie ihre CDs wenigstens richtig beschriftet, damit die Polizei es auch leichter hat.

Das wird ne wahnsinns Herrenrasse.



Lieber Farin,

für wen bist Du denn eigentlich? Natürlich sagt das eigene Selbstverständnis, daß man zur guten Seite der Macht tendiert und für Obama ist, aber irgendwie bin ich auch von ihm nicht hundertprozentig überzeugt. Aber das ist ja auch nicht wichtig. Ich muß ja nicht abstimmen.

Was ich aber immer noch sehr interessant finde, ist, daß man Obama realistische Chancen ausrechnet. Das ist sehr optimistisch, überlegt man sich, daß die Republikaner sich ja schon einmal zum Sieg gefoult haben. Ich habe es schon mal gesagt und ich sage es immer wieder: Sollen sie jetzt plötzlich damit aufhören? Irgendwie glaube ich das nicht. Deswegen finde ich die ganzen Diskussionen über Obama als Präsidenten schwierig. Ich glaube einfach nicht, daß er es wird. Vielleicht werde ich ja eines Besseren belehrt.

Es gibt übrigens ein Buch mit Namen How to Rig an Election, geschrieben von einem Allen Raymond, der für drei Monate im Gefängnis war, weil er sich 2002 an dem New Hampshire Senate Election Phone Jamming Scandal beteiligt hat. Was damals passiert ist, war das: Allen Raymond und seine Leute haben die Telefonleitungen der Demokraten in New Hampshire lahmgelegt, indem sie immer wieder deren Nummern angerufen haben. So konnten die demokratischen Wahlhelfer nicht bei potentiellen Wählern anrufen, um sie an das Abstimmen zu erinnern, und es konnten auch keine potentiellen Wähler bei den Demokraten anrufen, um zu fragen, wo das nächste Wahllokal ist. Eine weitere Telefonleitung, die blockiert wurde, gehörte der Feuerwehr, die einen kostenlosen Bringdienst zu den Wahllokalen angeboten hat. Die Republikaner haben diese Abstimmung knapp gewonnen.

Wirklich subtil war das nicht, oder was meinst Du? Einfach nur immer wieder irgendwo anzurufen, das ist nicht wirklich elegant. Aber es hat gereicht, um das Wahlergebnis zu erreichen, das man wollte. Weil die Wähler nicht weiter als bis zu ihrem eigenen Telefon gedacht haben. Man hätte sicherlich auch in der Zeitung nachsehen können, wo das nächste Wahllokal ist, bzw. auch einfach eine andere Nummer anrufen, um nach Ort und Zeit zu fragen (das Büro des Senators gibt solche Informationen bestimmt heraus). Aber das haben ganz viele Leute anscheind nicht gemacht. Die eine Nummer war belegt, also sind sie einfach nicht zur Abstimmung gegangen… Gut, das ist aber irgendwie auch nicht Sinn der Sache. Und wie kann es sein, daß ich mich so leicht umstimmen lasse, nicht zu Wahl zu gehen, nur weil ich mich nicht vorher informiert habe, wo ich wann zu sein habe?

Bill Maher hat Allen Raymond in seiner Sendung interviewt und in diesem Gespräch hat Raymond noch mehr Arten der Wahlmanipulation aufgezählt. Manche eher weniger als mehr subtil.

Jetzt mal ehrlich, Farin, wenn jemand irgendwo einen Flyer findet, auf dem steht, daß bei Regen nicht gewählt wird und er diesem Flyer glaubt, sollte dieser Mensch dann überhaupt ein Wahlrecht haben? Jetzt mal ernsthaft, der Mensch muß doch echt dumm sein. Der sollte gar nicht wählen dürfen. Sogar wir hier in Deutschland wissen, wann in den USA gewählt wird (4. November)! Und wenn es sich bis zu uns durchspricht, sollten die Amerikaner das doch auch irgendwann mitbekommen. Und wenn sie wirklich jemandem glauben, der ihnen sagt, nein, nein, erst nächste Woche wird gewählt, ja, dann kann man dem Land auch nicht mehr helfen. Solche Leute sollten nicht wählen dürfen.

Ich hab ja schon mal erwähnt, daß ich das mit dem Wählen etwas ernster nehme, als andere, aber ich denke nicht, daß ich komplett Unrecht habe. Jemand, der nicht versteht, wann und wie und wo er wählen soll, sollte nicht wählen dürfen. Ich wette, daß auch im finstersten Eck von South Central Los Angeles eine Zeitung aufzutreiben ist, in der die Wahllokale aufgezählt sind. Ich muß als Wähler halt einfach nur genug Interesse aufbringen. Wenn ich das nicht tue, tja, dann schade. Aber mit Bildung hat das nichts zu tun, auch wenn das viele behaupten.

GRRRRRRRRRR!

Wir haben aber auch wirklich leicht reden, werden wir doch alle an die Hand genommen und bis zu den Wahlurnen geführt. Wir müssen uns nicht registrieren lassen, uns wird gesagt, wo wir wann sein müssen und wenn wir nicht da sein können, können wir Briefwahl beantragen. In dem Fall müssen wir dann nicht einmal mehr den Briefumschlag richtig beschriften, wenn wir den Wahlzettel losschicken.

Vielleicht sollten wir da was ändern, denn vielleicht ist das der Grund, warum rechtsgerichtete Parteien immer wieder Stimmen bekommen. Ja, genau. Ich stelle mir vor, wir passen uns an amerikanische Verhältnisse an und dann müssen die ganzen Nazis alleine herausfinden, wie man wählt.

Ich stelle mir vor, daß die entsprechenden Parteien dann auch immer Busladungen von Nazis zu Wahllokalen fahren, wie bei einem Schulausflug. Und dann…

Obernazi: Also, Ihr geht jetzt rein und…

Wahlnazi: Zusammen?

Obernazi: Naja, schon zusammen, aber Ihr dürft dann nicht zusammen in eine Wahlkabine.

Wahlnazi: (hilflos) Aber… aber, wer sagt uns dann, wo wir unseren Namen hinschreiben müssen?

Obernazi: Ihr schreibt nirgendwo Euren Namen hin. Ihr nehmt die Zettel und den Holzfarbstift, geht in die Wahlkabinen und spickt auf Euren Pullis und Turnschuhen. Und dann sucht Ihr nach einer Liste, die sich so ähnlich schreibt, wie das, was auf Euren Sachen steht.

Aaaaargh, manchmal bin ich von meinen eigenen Witzen so begeistert, daß ich 15 Minuten bewegungslos auf dem Boden liege!

Nein, ich lache nicht über Nazis. Ich lache mit ihnen. Menschen, die so abgrundtief häßlich und dumm sind und behaupten, daß aus ihnen die neue deutsche Herrenrasse hervortreten wird, müssen einen großartigen Sinn für Humor haben.

Ich habe in letzter Zeit häufiger mit Menschen darüber gesprochen, daß Nazis sich jetzt tarnen, soll heißen, sie tragen nicht mehr Springerstiefel und Bomberjacke. Die meisten meiner Gesprächspartner waren sehr besorgt, daß die Nazis sich jetzt überall reindrängen und Jugendliche täuschen. Vielleicht sollte man den Jugendlichen dann erklären, daß nicht immer Nazi draufsteht, wo auch Nazi drin ist, aber daß man trotz Punkfrisur recht schnell rausfinden kann, ob einer ein Nazi ist oder nicht. Wenn einer den Holocaust leugnet, Ausländer ausweisen oder in Arbeitslager stecken will und eine neue Rasse gründen will, dann kann er so viele PLO-Tücher tragen wie er will, er ist und bleibt ein Nazi. Wie bei Scientologen. Selbst wenn nicht Dianetik draufsteht, was man was drin ist, wenn einer einem erzählt, daß er von einem Alien erlöst werden wird.

Ich bin ein kleines bißchen abgeschweift. Egal. Ich wollte das alles einfach mal loswerden.

Deine marta

P.S.: Go Ralph Nader!



Lieber Farin,

ich muß ganz ehrlich gestehen, daß mir erst vor wenigen Tagen bewußt geworden ist, daß es so einen Antrag überhaupt gibt. Dabei laufen die Vorbereitungen schon seit einem Jahr! Seit einem Jahr setzt man sich auf höchster Ebene damit auseinander, wie man gegen den Antisemitismus ist und vor allem, wer dagegen sein darf? Das ist ein bißchen bitter, oder?

Ich bin am Recherchieren, was denn nun eigentlich das für eine Erklärung sein soll, bzw. was für ein Antrag das sein soll, aber richtig aussagekräftige Artikel finde ich dazu nicht. Nur eben, daß es eine fraktionsübergreifende Erklärung geben soll, deren Inhalt aber noch diskutiert wird und auch, wie fraktionsübergreifend sie denn nun eigentlich sein soll.

BERLIN taz Trotz langwieriger Vorarbeiten von fast einem Jahr: Eine gemeinsame Erklärung des gesamten Bundestags zum Antisemitismus wird es anlässlich des 70. Jahrestages der Reichspogromnacht am 9. November kaum geben – aber ein gemeinsames Papier der großen Koalition vielleicht schon. Das zeichnet sich nach Gesprächen zwischen den Innenpolitikern der Union und der SPD ab. Schon am Dienstag kommender Woche, so sagte der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz der taz, könnte eine solche Erklärung unterschriftsreif sein. Er strebe solch einen “großkoalitionären Antrag” an, sagte der Bundestagsabgeordnete. Und dem könne dann “zustimmen, wer mag”.

Jetzt habe ich dazu ein paar Fragen an Dich, Farin.

1) Gibt es so eine Erklärung in Deutschland nicht eigentlich schon? Heißt es in unserem Grundgesetz nicht,

Artikel 4
(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Gut, da steht jetzt nicht explizit, daß es ums Judentum geht, aber der Nazi an sich ist ja auch flexibel gewesen, wenn es darum gegangen ist, wen er im KZ umbringt? Prinzipiell ist dieser Artikel 4 aber doch schon eine klare Haltung gegen den Antisemitismus… finde ich.

2) Vor wem genau wird die Erklärung denn dann abgegeben, bzw. bei wem der Antrag eingereicht? Beim lieben Gott, oder was?

3) Warum läßt man die Erklärung/den Antrag nicht einfach unterschreiben, wer will?

Noch in der vergangenen Woche war es wegen der geplanten Erklärung zu einem heftigen Streit hinter den Kulissen des Bundestages gekommen. Vor allem die Linke stieß sich an einer Passage im Erklärungsentwurf, in dem es hieß: “In diesem Zusammenhang muss daran erinnert werden, dass […] jüdische Unternehmer in der DDR enteignet wurden und aus der DDR fliehen mussten […]“.

Nein, an dieser Stelle muß nicht daran erinnert werden, wie es in einem Staat war, den es heute gar nicht mehr gibt, denn das hat nichts mit dem Jetzt und Hier zu tun. Was soll das denn auch? Geht es darum, beim lieben Gott dann besser dazustehen, wenn man ihm klar macht, daß man selbst schon immer der guten Meinung war, aber der Banknachbar, den man in der achten Klasse hatte, das alles damals falsch gesehen hat? Was soll einem das denn bringen?

Schau, ich stehe bei Konzerten gerne in der hintersten Reihe und schüttele pikiert den Kopf darüber, daß lauter Leute auf dem Konzert sind, die die Band erst seit einem großen Hit vor drei Monaten kennen, während ich schon lange Fan bin und weiß, daß die Musik früher viel besser und viel weniger kommerziell war. Bringen tut mir mein Snobismus in dem Moment und auch danach überhaupt nichts. Nicht einmal, wenn ich den “neuen Fans” sage, wie toll ich bin und wie ätzend sie sind. Trotzdem sind wir in der Gesamtheit eine große Gruppe, die sich an der Musik einer Band erfreut. Das ist doch super, oder?

4) Wäre es nicht unheimlich wichtig, die Linke mit unterschreiben zu lassen, eben weil es in der Partei solche Differenzen gibt, was das Thema Antisemitismus/Antizionismus betrifft?

Der SPD-Politiker Wiefelspütz sagte nun, eine solche Erklärung sei “nicht der geeignete Ort”, um über die Haltung der Linken zu Israel oder über mögliche antisemitische Tendenzen in Teilbereichen mancher Parteien zu sprechen. Denn damit würde man nur “vom positiven Ziel des Antrags” ablenken. Es wäre “fatal”, wenn ein solcher Antrag im “kleinkarierten parteipolitischen Gezänk” unterginge. Das wäre “eine kleine Münze, die dem Tag nicht gerecht wird”.

Auch der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl (CSU), zeigte sich im Gespräch mit der taz zuversichtlich, dass ein Antrag mit der SPD zustande komme – vielleicht auch mit der FDP und den Bündnisgrünen. Der Entwurf sei “in weiten Zügen fertig”. Allerdings wolle man die Linksfraktion “nicht im Boot haben”, da es in ihnen “eklatante Strömungen” gebe, die antisemitische oder antizionistische Aussagen duldeten. Dies müsse enthüllt werden.

Uhl verwies auf die Linke-Abgeordnete Ulla Jelpke, die auf einer Demonstration mitmarschiert sei, bei der Hisbollah-Vertreter zugegen gewesen und israelische Fahnen verbrannt worden seien. Der Versuch der Linke-Fraktionsführung, einen gemeinsamen Antrag zustande zu kriegen, ziele darauf, dies “zuzukleistern, anstatt es zu brandmarken”. Es wäre “zutiefst unredlich, dieses Spiel mitzuspielen”.

Ich kenne Ulla Jelpke nicht. Keine Ahnung, wer das ist und was sie macht, aber ließe man sie mit mit unterschreiben, könnte man ihr das Papier das nächste Mal links und rechts um die Ohren hauen, wenn sie mal wieder auf einer Demonstration mit marschiert, auf der Flaggen verbrannt werden (was ich eh albern finde). Nehmen wir an, ich wäre ein erklärter Feind der Linken (was ich ja vielleicht auch wirklich bin), dann würde ich nur auf so eine Gelegenheit warten, um sie unglaubwürdig zu machen.

Natürlich sehe ich es auch so, daß eine Erklärung vor dem lieben Gott nichts mit dem Wahlkampf vor der Bundestagswahl zu tun haben sollte, aber da sich das offensichtlich nicht vermeiden läßt, sollte ich es doch wenigstens richtig machen, finde ich.

Generell bin ich aber der Meinung, daß alle, die es auch wirklich wollen, einen solchen Antrag (auch wenn mich das Wort in dem Zusammenhang immer noch amüsiert) unterschreiben sollten.

5) Wäre es nicht sinnvoller, anstatt alberner Anträge Taten sprechen zu lassen? Sollte der Staat sich nicht einfach an seinen Gesetzen orientieren und Nazis aufs Maul geben (im übertragenen Sinne natürlich nur, ich bin Pazifistin)?

Es ist doch klar festgelegt, daß Organisationen, die verfassungsfeindlich sind, verboten werden sollen. Warum passiert das dann nicht? Warum wird jahrelang über das Verbot dieses Hitler Jugend-Verschnitts diskutiert, anstatt es einfach zu machen? Ich denke, man sollte solche Vereinigungen einmal verwarnen und wenn sie sich dann nicht an unsere Gesetze halten, verbieten. Mir ist schon klar, daß es immer das Gegenargument der Märtyrierbildung besteht, aber das glaube ich gar nicht. Wer würde diese Vereinigungen denn für Opfer halten? Doch nur die, die eh längst Mitglied sind.

Ich denke wirklich, daß eine solche Erklärung absolut unnötig ist. Natürlich finde ich es wichtig, daß der Geschichte und den Toten gedacht wird, aber ich finde, daß ein Antrag einfach nur leere Phrasen wären.

Was ich allerdings wichtig fände und was ja auch in dem Papier festgehalten werden sollte (jetzt aber evtl. nicht mehr Teil der Erklärung ist), ist, daß sich der Schulunterricht mehr mit dem dritten Reich befaßt. Und wenn er das dann tut, dann bitte auch mit Argumenten, mit denen Schüler etwas anfangen können, weil sie aus ihrer Lbenswirklichkeit stammen. In der neuen Berliner Synagoge hat es diesen Sommer eine Ausstellung über Juden im deutschen Fußball gegeben. Die war wirklich interessant und lehrreich. Vielleicht könnte man mit Schülern solche Ausstellungen besuchen, anstatt ihnen trockene Fakten zu servieren und sie dann irgendwann in ein KZ zu schleppen. Wenn sie sich mit den Personen identifizieren können, die dort umgebracht werden, weil sie die gleichen Hobbys wie sie selber haben oder den gleichen Meisterschaftstitel wie ihre Idole errungen haben, bringt so ein Besuch viel mehr. Denke ich zumindest, wissen tue ich es aber nicht.

Deine marta

P.S.: Übrigens finde ich, man hätte die zerstörten Synagogen wieder genauso aufbauen sollen, wie sie mal waren. Dann hätte man sich vor die ganzen Nazis stellen und sie fragen können, “Na? Wo ist Euer 1.000-jähriges Reich jetzt?” Oder wäre das blöd?



Hallo Farin,

Du bist sicher froh, zu hören, daß ich den gestrigen Tag noch gut hinter mich gebracht habe, obwohl er nicht wirklich besser geworden ist. Es gibt Tage, da verliert man und es gibt Tage, da gewinnen die anderen.

Zwei Dinge habe ich allerdings noch entdeckt, die ich mit Dir teilen möchte. Du hast doch mal gesagt, “Geh mal wieder auf die Straße, geh mal wieder demonstrieren. Wer nicht mehr versucht, zu kämpfen, kann nur verlieren.” Von daher:

Einmal geht es um die Vorratsdatenspeicherung. http://www.vorratsdatenspeicherung.de/

Solltest Du am Samstag den 20.09. zufällig in München sein, könntest Du bei einer Demo mitlaufen, die gegen die Vorratsdatenspeicherung protestiert. Ich werde es wohl tun. Ich telefoniere zwar nicht mit Terroristen, fliege nicht in den Nahen Osten, um mich zum Terroristen ausbilden zu lassen (Warum eigentlich nicht? Ich sähe so cool aus in meinem Rebellenoutfit) und verschicke auch keine Bombendrohungen per Mail (obwohl mir genug Leute einfallen würden), trotzdem gehen meine Telefonate und mein Briefverkehr niemanden etwas an. Es geht auch niemanden etwas an, mit wem ich befreundet bin. Nicht einmal meine Mutter kennt alle meine Freunde (ein paar habe ich ihr aus gutem Grund nie vorgestellt), dann will ich mit Sicherheit nicht, daß der Staat weiß, mit wem ich mich treffe.  Auch nicht, wenn es zu meiner eigenen Sicherheit ist. Ich bin erwachsen, vielen Dank.

Ich habe keine Angst davor, daß Herr Schäuble meine Mails lesen könnte. Es geht mir darum, daß jemand, den ich kenne, meine Mails lesen könnte. Oder jemand, den ich nicht kenne, der mich aber sehr wohl wo interessant findet, daß er sich in meinen Briefverkehr einschaltet. Miss Paranoia ist wieder unterwegs.

Das klingt jetzt wichtigtuerisch, aber ich kenne einen Polizisten (eigentlich kenne ich sogar mehrere), der bei irgendeiner Spezialsonstwasabteilung arbeitet (so wirklich darf er nicht darüber reden, sagt er). Dieser junge Mann hätte Zugriff zu meinen Daten. So sehr ich ihn mag, es gibt Dinge, die gehen ihn nichts an. Tatsächlich hatte eine Freundin von mir mal was mit ihm und hat mir brühwarm alles darüber geschrieben. Nicht gut, wenn er das mitbekommt. Dummes Beispiel, das nichts mit dem Lauf der Welt zu tun hat, aber ich denke, Du weißt, worauf ich hinaus will.

Daher also mein Interesse an dem AK Vorratsdatenspeicherung (das ich nun im Internet bekunde, wo es auf ewig verzeichnet sein wird) und den Demos, die er organisiert. Da ist also einmal die Demo in München am Samstag ab 14 Uhr am Marienplatz.

Das ist dann aber nur eine Warm up-Demo. Von dieser Sorte gibt es drei. Am 27.09. findet Ähnliches in Braunschweig und am 28.09. in Leipzig statt. Kulminieren soll das Ganze dann in einem großen Aktionstag gegen die totale Überwachung am 11.10. in Berlin.

Das war das eine. Meine zweite Entdeckung verdanke ich meiner alten Hassliebe, SpiegelOnline. Dort habe ich einen klitzekleinen “einestages”-Artikel zum Thema Friedrich Flick gefunden. In dem Artikel geht es um ein Gymnasium, das da in Kreuztal liegt und das nach dem deutschen Industrieellen Flick benannt wurde, nachdem er dem Gymnasium eine Millionenförderung zugesichert hatte. Bedingung war eben jene Umbenennung der Schule in Friedrich Flick-Gymnasium. Einziges Problem ist, Friedrich Flick war ein Angeklagter bei den Nürnberger Naziprozessen. Er hatte seinen Reichtum hauptsächlich durch die Unterstützung der Nazis und seiner Ausbeutung von Zwangsarbeitern geschaffen. 1937 war er sogar zum Wehrwirtschaftsführer ernannt worden. 1947 kam dann die Verurteilung  zu einer  siebenjährigen Haftstrafe, von der Friedrich Flick aber nur drei Jahre absitzen mußte. Danach wurde er mit Unterstützung der Amerikaner erneut zum reichsten Mann Deutschlands und 1963 zum Träger des großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband.

Nun haben sich zwei ehemalige Schüler des Friedrich Flick-Gymnasiums zur Rebellion aufgerufen. Sie wollen, daß das Gymnasium umbenannt wird, oder daß zumindest kritisch über die Namengebung nachgedacht wird. Was sich in dieser Sache schon getan hat, kannst Du, lieber Farin, hier (http://www.flick-ist-kein-vorbild.de/) nachlesen. Auf dieser Seite befindet sich eine ausführliche Biographie, eine Auseinandersetzung mit den Vorgängen der letzten Zeit und eine Petition an den Bürgermeister des Ortes.

Im Gästebuch finden sich viele Pro und Kontra-Einträge zum Thema Naziverbrecher und Vergebung. Ich finde, damit sollte das alles nichts zu tun haben. Ich finde es eher problematisch, daß eine Schule käuflich ist. Wie kann eine Einrichtung, die eigentlich unabhängig sein sollte, so leicht ihre Identität aufgeben?

Vor einigen Jahren hat Otto Beisheim, seines Zeichens Gründer des Metro-Konzerns, versucht, sich das altehrwürdige Gymnasium Tegernsee zu “kaufen”. 10 Mio. EUR sollte das Gymnasium für den kleinen Preis eines neuen Namens bekommen. Obwohl der Bürgermeister von Tegernsee sehr dafür war, haben Gott sei Dank Schüler und Lehrer den Aufstand geprobt, vor allem auch, weil Beisheims Rolle im zweiten Weltkrieg nie ganz geklärt wurde. Beisheim war daraufhin beleidigt und hat die Stiftung zurückgezogen.

Für mich klingt dieses Schulekaufen immer ein bißchen nach Ablass. Martin Luther hat das angeprangert.

Liebe Grüße, marta

P.S.: Ich schreibe noch sehr wirr, oder? Das wird noch besser. Ich übe fleißig.



et cetera
Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.