Lieber Farin…











Liebster Farin,

kennst Du das? Man erwartet Gäste, deswegen sollte man unbedingt noch den Müll runterbringen/das Geschirr spülen/staubsaugen. Aber es läuft gerade eine Serie/ein Film, die/den man unbedingt sehen möchte. Man entscheidet sich also, auf die Werbeunterbrechung zu warten, um dann schnell zu erledigen, was geht. Aber so lange man wartet, könnte man ja auch noch schnell einen Toast essen, denkt man sich. Man legt den Toast also ein und etwa 30 Sekunden, nachdem er fertig ist, geht die Werbung los. Was nun? Den Toast kalt werden lassen, um aufzuräumen? Eher nicht. Kalter Toast ist ätzend. Also schlingt man den Toast herunter, um dann noch schnell irgendwas zu machen, aber doch wieder nicht fertig zu werden. Grrrrr.

So viel zu mir und meinem Leben. Kommen wir zu dem Leben anderer Leute und der Monstrosität, die Pro7 Programm nennt.

Ich habe am Samstag neben dem Aufräumen den Fernseher laufen lassen. Ich habe nicht alles 100%-ig genau mitbekommen, aber es lief eine dieser Sendungen, die sich voyeuristisch in das Leben von Jugendlichen einklinken (Erwachsene sind wohl nicht mehr so spannend oder sagen in der Zwischenzeit eher nein). Hauptperson war ein junges Mädchen, deren Mutter vor einigen Jahren von dem Vater des Mädchens im Streit umgebracht worden war (Pro7 hat von Mord geredet, dabei handelte es sich wohl um eine Affekttat, also eher Totschlag oder  Körperverletzung mit Todesfolge – das macht es nicht besser, ist aber ein großer Unterschied). Mit der Mutter tot und dem Vater im Gefängnis, ist dem Mädchen nur ihr Bruder geblieben. Der ist aber nicht mit der Familiengeschichte zurecht gekommen und hat sich deswegen vor einiger Zeit aufgehängt.

Nun lebt unser Mädchen bei einer Pflegefamilie, die sich wohl auch rührend um es kümmert und es unterstützt. Nur mit einer Sache ist die Pflegemutter nicht ganz so einverstanden: Mit der Brust-OP, die sich das Mädchen so sehr wünscht (unser Mädchen hat nämlich zu große Brüste; damit stößt sie immer an den Körper ihrer Kunden im Friseursalon).

Dieses Mädchen muß der feuchte Traum eines jeden Privatsenders sein. Brüste und Drama!

Tatsächlich hat es Pro7 geschafft, das Potential, das das Mädchen bedeutet, voll auszuschöpfen. Zwischen dem tränenreichen Verlesen diverser Briefe an den toten Bruder, wurden immer wieder ihre ordentlich großen Brüste ins Bild gehalten. Respekt. Man muß schon verdammt wenig Anstand haben, um die Situation des Mädchens so gnadenlos auszuschlachten.

Natürlich ist mir bewußt, daß das Mädchen die Brust-OP auch gewollt hätte, wenn das Fernsehen nicht dabei gewesen wäre. Und natürlich war es ihr eigener Wille, bei der Sendung mitzumachen. Trotzdem war es absolut unnötig, das Mädchen so zu zeigen. Man hätte ihren Busen auch einfach aus dem Bild lassen können. Der Zuschauer, der das unbedingt sehen will, ist nicht der Zuschauer, der sich Gedanken über ihre arme tote Mutter macht. Aber darum geht es wahrscheinlich nicht.

Offenbar hat es bei irgendwem (war es vielleicht der Senderedakteur?) ein kurzes Aufflackern von Verstand gegeben, denn man hat das Mädchen tatsächlich noch zu einem Psychologen geschickt. Natürlich war das ein Psychologe, von dem kein Einspruch gegen die Kamera zu erwarten war (es war der putzige, bärbärtige Haus- und Hofpsychologe des Privatfernsehens, Michael Thiel). Und so konnte man zwischen Tränen, Brüsten auch noch ein bißchen Hausfrauenpsychologie zeigen. Michael Thiel – Profi, der er ist – hat festgestellt, daß das Mädchen ein echt hartes Leben hat, das auch ihr Selbstbild beeinträchtigt. Um diesen Punkt noch mal zu unterstreichen hat man gleich wieder die Brüste ins Bild gehalten.

Fernsehen ist manchmal einfach nur dumm. Ich weiß, ich kann umschalten, ich kann auch ausschalten, aber manchmal will man seichte Unterhaltung. Halt nur anders seicht.

Denn das deutsche Fernsehen war nie vielfältiger, sogar besser als heute. Mit inzwischen weit über hundert Fernsehprogrammen findet sich für jeden Geschmack etwas.

So heißt es in einem Kommentar auf DWDL. Aber da hat jemand doch einfach Unrecht. Nur, weil es mehr Sender werden, wird das Programm doch nicht besser. Nur weil ich zwei Homeshopping-Sender habe, fühle ich mich doch nicht besser unterhalten. Nur weil ich zwei Musiksender habe, die zum selben Unternehmen gehören, höre ich keine bessere Musik (vor allem, weil praktisch keine Musikclips mehr gezeigt werden). Nur weil der Tatort auf mindestens acht verschiedenen öffentlich-rechtliche Sender gezeigt wird, wird er nicht besser.

Wollte ich nur mal so gesagt haben.

Deine marta

P.S.: Wußtest Du, daß Michael Thiel eine Schauspielausbildung gemacht hat? Ist so. Sehr weitsichtig von ihm.



Hey Farin,

soll ich Dir was schreckliches erzählen? Ich habe mir heute bereits zum zweiten Mal “Singing Bee” auf Pro7 angesehen. So wenig ich ein Fan des deutschen Fernsehprogramms bin, so sehr mag ich diese Sendung. Ehrlich. Ich mein, klar, sie ist irgendwie blöd und absolut hirnlos, aber sie hat etwas sehr heiteres, leichtes, ohne dabei seicht zu sein. Und ich mag die Kandidaten. Die Hälfte der Leute sind Freaks, aber irgendwie cool.

Und als ich heute so auf einer Couch lag und versucht habe, den Text von “Pippie Langstrumpf” mitzusingen, fühlte ich mich plötzlich an eine andere Sendung erinnert, die irgendwie auch leicht und heiter, aber nicht seicht war. “Remote Control”. Weißt Du noch, das lief vor etwa 1000 Jahren mal auf MTV. Das war damals, als man beim Fernsehen noch Englisch gelernt hat. Wie dem auch sei, diese Sendung haben meine Schwester und ich immer angeschaut und wir fanden sie super.

Das Spiel war ganz einfach: Es gab drei Kandidaten, die Fragen beantworten mußten. Musik, Fernsehen und Kino waren die Gebiete, glaube ich. Und am Ende jeder Runde mußte ein Kandidat gehen. Der wurde dann auf seinem Sitz (die Kandidaten waren angeschnallt) rausgefahren. Das war der coolste Teil, weil dann das Publikum “Na Na Na Na / Na Na Na Na / Hey Hey Hey / Goodbye” gesungen hat. (nicht immer, aber oft) Ich weiß nicht, warum, aber der Teil hat mich am meisten begeistert. Er hat mich praktisch bis zur Bewegungsunfähigkeit begeistert. Naja, ich habe mitgewunken, also war ich nicht ganz bewegungsunfähig.

Vor lauter Nostalgie habe ich bei Youtube (wie war das Leben eigentlich vor Youtube? Ich kann mich nicht mehr erinnern) nach der Sendung gesucht, und tatsächlich, es sind ein paar Folgen hochgeladen worden. Es gibt doch noch nette Menschen auf der Welt. Ich habe eine Folge mit prominenten Metalern rausgesucht, weil ich so begeistert war, wie wenig oder wie viel sich Charlie Benante von Anthrax verändert hat. Tatsächlich sind nur seine Haare anders. Ich habe mir die Sendung weiter angesehen und plötzlich kam “Stud Boy”. “Stud Boy” war Teil des Spiels. “Stud Boy” betrat immer leicht bekleidet das Studio und beschrieb Frauen, mit denen er angeblich geschlafen hat, und die Kandidaten mußten erraten, wen er meint. Und weißt Du, wer “Stud Boy” war? ADAM SANDLER!!! Ein ganz junger Adam Sandler!!

Das ist jetzt nur der erste Teil eines “Remote Control”-Metal Specials, aber das sollte reichen, um sich für die Sendung zu begeistern (obwohl ich zugeben muß, daß ich die Sendung über die letzten 1000 Jahre in meinem Kopf wohl sehr glorifiziert habe, vielleicht ist sie gar nicht sooo toll). Ab etwa Minute 7 taucht Adam Sandler auf.

Viel Spaß damit, marta

P.S.: Ich glaube mich erinnern zu können, daß es mal eine deutsche Version von “Remote Control” gab. Die war aber blöd.

NACHTRAG: Ich habe vergessen, zu erwähnen, dass ich “Singing Bee” tatsächlich nicht häufiger als 2x zu ertragen war. In der dritten Woche habe ich versucht, reinzuschalten, habe es aber nur 45 Sekunden ausgehalten. Ich mußte wegschalten, weil ich sonst in den Fernseher gebissen hätte. Schlimm, wie falsch ich gelegen bin.



et cetera
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