Bonjour Farin,
Ignes Ponto hat ja bereits ihr Bundesverdienstkreuz zurückgegeben, um gegen den Film Der Baader-Meinhof-Komplex zu demonstrieren. Jetzt will sie anscheinend auch noch gerichtlich vorgehen.
Nach Informationen des SPIEGEL will Ignes Ponto gerichtlich gegen die Münchner Produktionsfirma Constantin Film vorgehen und so erreichen, dass die Szene der Ermordung ihres Mannes Jürgen Ponto zukünftig nicht mehr gezeigt werden darf. Das Kinowerk verfälsche die wahre Geschichte.
Ich verstehe sie schon. Der Film ist absolut schlecht und geht gerade bei dem Ponto-Mord vollkommen rücksichtslos mit großer Sensationsgeilheit an die Sache heran. Das war unnötig, besonders weil die Filmemacher bei dem Buback-Mord peinlich genau darauf geachtet haben, eben nicht zu zeigen, wer ihn erschossen hat, nicht einmal ob Mann oder Frau. Wenn sie da also berücksichtigen konnten, daß es fraglich ist, wie alles abgelaufen ist, warum nicht auch beim Ponto-Mord? Warum haben sie anstatt der Szene nicht einfach fünf Minuten lang (Vinzenz Kiefer als) Peter-Jürgen Boock gezeigt? Ist der nicht Fahrer bei der ganzen Sache gewesen und hat draußen im Auto gewartet? Das wäre nicht spannend gewesen, meinst Du jetzt? Das sehe ich aber anders. Kiefer und die anderen hübschen Leute sind doch nur als Schauspieler ausgesucht worden, weil sie so hübsch sind und weil es dem Zuschauer dann mehr Spaß macht, sich diese drei-Stunden-Litanei anzusehen.
Aber ich schweife schon wieder ab.
So sehr ich auf Ignes Pontos Seite bin, so sehr würde ich mir doch wünschen, daß sie endlich aufhört, dem Film unverdiente Publicity zu verschaffen. Meinst Du, Bernd Eichinger interessiert sich für ihre Anliegen? Er mit Sicherheit nicht. Er reibt sich höchstens die Hände, denn für jeden weiteren, von ihr ausgelösten Skandal laufen noch mal 20.000 Menschen mehr ins Kino. Diese Menschen kann der Film gut gebrauchen, weil er bis jetzt ja nicht sooo erfolgreich war.
Hast Du übrigens das Interview gelesen, daß Bettina Röhl mit Corinna Ponto geführt hat? Darin heißt es,
Corinna Ponto: Der Film beschönigt nichts“ – so hieß es allenthalben. Das sehen wir speziell für „unsere Szene“ konträr anders. An unserer Szene ist, wie ich bereits sagte, fast alles falsch! Exaktheit und Phantasie werden in diesem Film unklar verteilt: Geschichtlich sehen wir ein Berlin ohne Mauer und ein Deutschland ohne DDR. Wenn es aber um die dargestellte Umgebung der Terroristen geht, wurde genau recherchiert; so wurden die Klo-Schüsseln im Stammheimer Gefängnis originalgetreu rekonstruiert oder wieder verwendet. Stammheimer Prozess-Tonbänder wurden von den Schauspielern 200 Mal als historisches Material angehört, um möglichst den authentischen Ton zu treffen. Bei den Umständen des 30. Juli 1977 hingegen beruft man sich auf die spielfilmbezogene „künstlerische Freiheit“, vermutlich auch als juristische Absicherung.
Bettina Röhl: Worin bestehen die historischen, tatsächlichen Fehler genau?
Corinna Ponto: Die vier verantwortungslosesten Fehler sind: Erstens: Meine Mutter saß nicht, wie im Film dargestellt, ladylike und unbeteiligt während des Attentates auf der Terrasse, sondern sie saß im ziemlich abgedunkelten Raum erstarrt am Telefon, sieben Meter von ihrem Mann entfernt, als er erschossen wurde. Sie wurde also zu einer direkten Zeugin der Mordtat. Wäre diese korrekte Darstellung eine allzu parteiergreifende Emotionalisierung gewesen? Stellen Sie sich bitte einen Film über das Attentat auf Kennedy vor, und Jackie Kennedy säße in einem folgenden Begleitfahrzeug. Ginge dies auch als künstlerische Freiheit durch?
Der zweite schwerwiegende Fehler ist die verniedlichende, fast verspielte Darstellung der Susanne Albrecht – eine komplette Fehlbesetzung. Die damals 27 Jahre alte, groß gewachsene Susanne Albrecht hatte zu der Zeit einen athletisch gut trainierten, braun gebrannten Körper, wahrscheinlich von Ausbildungscamps gekräftigt; die Backen und Augenlider waren drogen-geschwollen; sie hatte an dem Tag eine fast perückenartige Lockenfrisur. Sie sprach und bewegte sich sehr schnell. Und essentiell wichtig, um ihre Tat korrekt einschätzen zu können: es fehlen im Film ihre beiden vorbereitenden Spionagebesuche inklusive Übernachtung in den zwei Monaten zuvor, bei denen ich sie selbst erlebt habe. Übrigens fehlt im Film auch der nach der Ermordung meines Vaters am 30. 7. 1977 erfolgte, bis heute unaufgeklärte Sprengstoffanschlag am 5. August im bewachten Garten.
Dritter Fehler: Brigitte Mohnhaupt trug, passend zum Kostüm, ein gelbes Rundum-Kopftuch, aus dem keine einzige Haarspitze hervorkam. Auch hier ein Beispiel für gravierende Beschönigung. Denn nur mit Haarband und voller Haarpracht konnte man natürlich die Figur der Terror-Barbie Mohnhaupt im Film so sexy entwickeln. Das Kopftuch war aber der Grund, weshalb meine Mutter und auch zweite Zeuge, Herr M., die Täterin Mohnhaupt zunächst nicht identifizieren konnten.Bettina Röhl: Was war der vierte Fehler?
Corinna Ponto: Der wohl unverzeihlichste Fehler ist die Darstellung des Todes meines Vaters selbst. Es war ein lautloser, fast geräuschloser, unheimlich stiller Tod, denn die Pistolen hatten Schalldämpfer, und es ging alles sehr schnell. Das lärmende Knallen der Pistolen, das ausgekostete Röcheln und der brutalisierte Todeskampf sind von der Regie erfunden worden.
Ich finde ganz interessant, was Corinna Ponto da sagt. Es geht nur um eine kurze Szene von vielleicht 3 Minuten, aber da gibt es schon so viele Ungenauigkeiten. Jetzt rechne das mal auf den gesamten Film hoch. Mag ja sein, daß Details nicht jedermann so wichtig sind, aber die Realität besteht nunmal aus Details, und wer die Realität abbilden will, der muß sich auch um diese Sachen kümmern.
Aber es geht Bernd Eichinger ja nicht um Realität, es geht ihm um einen Oscar, den er hoffentlich wieder nicht bekommt. Nichts würde mich mehr freuen. Schon allein, weil er alle wichtigen Dinge aus dem Film herausgelassen hat, mit denen er irgendwem Wichtiges auf die Füße treten könnte. Die Verantwortung des Verfassungsschutzes mit seinen V-Leuten, die Hilfe, die die DDR den Terroristen geleistet hat, und nicht zuletzt die Rolle, die die Verteidiger der Terroristen gespielt haben. Es ist nunmal so, daß mehr als nur ein Anwalt Kassiber u.ä. ins Gefängnis geschmuggelt haben. Und es ist nunmal auch so, daß Otto Schily einer der Anwälte im Stammheimer Prozeß war. Ob er auch etwas geschmuggelt hat, vermag ich natürlich nicht zu sagen, aber trotzdem ist seine Rolle im Prozeß und den daraus resultierenden Gesetzesänderungen nicht unwichtig. Aber hätte man ihn mit in den Film gepackt, hätte Otto Schily sich vielleicht aufgeregt und das hätte Bernd Eichinger natürlich nicht riskieren wollen.
Ich sollte mich nicht über die Ponto-Witwe und ihre Werbung für den Film ärgern, wenn ich genau das gleiche mache. Von daher verbleibe ich mit vielen Grüßen,
marta