Lieber Farin…











Lieber Farin,

machst Du Dir auch Sorgen, der Unterricht an deutschen Schulen könnte langsam aber sicher den Bach runter gehen?

Ich habe mich vor kurzem mit einem kleinen Menschen unterhalten. Der kleine Mensch geht in die dritte Klasse einer Grundschule. Der kleine Mensch hat an der Schule keinen Spaß. Überhaupt nicht. Der kleine Mensch muß seine kostbare Zeit damit verbringen, Sachen auswendig zu lernen, obwohl der kleine Mensch auch wunderbar draußen spielen könnte, bis er vor Erschöpfung zusammenbricht. An dem Tag, an dem ich mich nun mit dem kleinen Menschen unterhalten habe, war dieser kleine Mensch plötzlich begeistert von dem vergangenen Schultag. So viel Spaß hat der kleine Mensch gehabt! Natürlich habe ich mich erkundigt, was an diesem Tag so toll war. Darauf bekam ich die Information, daß der kleine Mensch und seine Klasse voller kleiner Menschen sich an diesem Tag Willi wills wissen angesehen haben.

Ich muß ganz ehrlich sagen, daß ich die Sendung nicht kannte. Ich habe schon keine Kindersendungen angesehen, als ich ein Kind war (ich hasse die Sesamstraße und ich hasse auch die dumme Maus, ich schaue nur die Sachgeschichten und dann muß ich sofort wegschalten, weil ich sonst… egal). Es ist also nicht überraschend, daß ich diese Sendung nicht kannte. Ich habe mich aber in meinem Freundeskreis umgehört. Da kannten so einige Willi wills wissen und die meisten waren absolut begeistert. Viel besser als Löwenzahn, hieß es da. Gut, dachte ich. Schau ich mir das mal ein. Eines Nachts kam ich deutlich angetrunken nach Hause und zufälligerweise lief Willi wills wissen gerade. Irgendwas mit Flugzeugen. Ich habe nach ein paar Minuten wieder ausgemacht, weil es mich genervt hat. Egal. Gestern kam wieder Willi wills wissen und ich habe es mir noch einmal angesehen. Nüchtern. Trotzdem fand ich es dumm. Ich hab es einfach nicht so mit unkontrolliert kreischenden und stressigen Menschen. Der Typ ist irgendwie laut. Und er wirbelt zu viel Staub auf.

Aber es ist ja auch vollkommen egal, wie ich diese Sendung finde. Für mich ist sie nicht gemacht. Kindern gefällt die Sendung und sie ist mit Sicherheit auch lehrreicher, als das meiste, was im Fernsehen läuft. Nur jetzt mein Problem: Sollte man Kinder anhand von Fernsehsendungen unterrichten?

Der kleine Mensch, mit dem ich gesprochen habe, darf nicht viel fernsehen. Die Eltern wollen das nicht. Ich kann das verstehen. Manchmal muckt der kleine Mensch auf und fordert mehr Fernsehrechte. Dann erklären ihm die Eltern, daß im Fernsehen zu viel Müll läuft, den man dem kleinen Menschen ersparen will. Jetzt sag mir, Farin, wie kann man diese Argumentation aufrecht erhalten, wenn die Schule den Kindern Wissen nur noch durch Fernsehsendungen vermittelt? Wie soll ein Kind verstehen, daß es lernen soll, was ihm in der Schule beigebracht wird, wenn die Vermittlung dessen über Fernsehsendungen läuft, und Fernsehen von den Eltern eigentlich mißbilligt wird? Verstehst Du, worauf ich hinaus will, Farin?

Kommen wir doch nun kurz zu dem eigentlichen Problem. Was ist das eigentliche Problem? Eins steht fest, Willi Weitzel ist es nicht. Der Mann gibt sich viel Mühe, das kann man sehen. Er hat selbst ein Lehramtsstudium hinter sich, ist pädagogisch also nicht ohne Vorwissen. Die Eltern sind auch nicht das Problem. Kinder sollten nicht so viel Zeit vor dem Fernseher verbringen. Früher war das vielleicht nicht so schlimm, aber heutzutage… Nenn’ mich einen Puritaner, aber was am Nachmittag so läuft ist nichts für Kinderaugen. Talkshows, in denen Frauen auftreten, die nicht wissen, wer von den drei Männern im Studio nun der Vater ihres Kindes ist, hinterläßt sicherlich einen merkwürdigen Eindruck auf ein Kind. Es hinterläßt ja auch einen merkwürdigen Eindruck auf mich. Ich frage mich auch, wie man im Rahmen des Jugendschutzes rechtfertigen kann, daß da außer der Mutter eben jene drei Männer anwesend sind, die sich alle darüber freuen, wenn das Vaterschwert des Damokles nicht sie trifft. Das Kind ist auch nicht das Problem. Das fügt sich nur in die Gesellschaft. Wo ist dann das Problem??? Tatataaaa! Bei den LEHRERN!

Es ist eigentlich viel zu billig, die Schuld immer immer immer bei den Lehrern zu suchen, aber in diesem Fall stimmt es leider. Ein Grundschullehrer (machen wir uns nichts vor, es wird eine Lehrerin sein), der/die offensichtlich zu uninteressiert ist, den nächsten Tag vorzubereiten, nimmt ein Video und zeigt es den Kindern. Paßt schon! Wie kann sie es wagen, Farin?

Ich habe in meinem Bekanntenkreis eine Reihe von Lehrern. Früher habe ich diese Menschen gerne gemocht, heute quält man sich durch so manches Gespräch mit ihnen. Immer heulen sie, daß sie so viel vorzubereiten haben. Das sehen die Leute ja nie. Die denken, Lehrer arbeiten nur von 8 bis 13 Uhr. Aber in Wirklichkeit…! Jetzt sag mir, Farin, was muß denn eine Grundschullehrerin vorbereiten? Das ABC auf ein Stück Papier schreiben?

Nein, jetzt bin ich gehässig und polemisiere. Das Problem ist nicht, daß es schwer wäre, sich auf den nächsten Tag vorzubereiten. Das Problem sind die Menschen, die sich für den Lehrerberuf entscheiden. “Oh, ich bin voll gerne in die Schule gegangen, ich habe ein unnatürliches Verhältnis zu Schleifchen und ich kann ‘Kumbaya’ auf der Gitarre spielen, da werde ich doch Grundschullehrerin!” Ein Äquivalent gibt es natürlich für jede Schulform. Am Gymnasium z.B. haben junge Lehrerinnen oft ein viel zu enges Verhältnis zu bunt geringelten Socken. Was aber alle gemein haben, ist die Tatsache, daß sie keine guten Pädagogen sind. Die Hälfte mag keine Kinder und die andere hat Angst vor ihnen. Ich bin also nicht einmal überrascht, daß diese Menschen sich nicht mehr die Mühe machen, einen Grundschulunterricht vorzubereiten.

Wollte ich nur mal so gesagt haben…

Deine marta

P.S.: Übrigens hatte der kleine Mensch, den ich kenne Glück. Die Parallelklasse hat sich Garfield angesehen. Nichts gegen die Katze. Alles was ich über Zynismus weiß, weiß ich von ihm, aber die Vermittlung dieser Dinge durch die Schule zu forcieren…?

P.P.S.: Ich bin übrigens für Sendungen wie Willi wills wissen, auch wenn ich sie selber nicht schaue. Deswegen hier auch meinen Verweis auf den Kinofilm Willi und die Wunder dieser Welt, der am 5. März startet.





Mein Held,

na, was sagst Du? Was denkst Du über den kleinen Spatz? Ist der nicht herzallerliebst? Ich meine das ernst. Ich könnte den Jungen in die Wange kneifen und knuddeln und wuddeln und für kosmetische Experimente mißbrauchen. Nein, Spaß beiseite. Ich mag den Jungen… von einem rein mütterlichen Standpunkt.

Ich habe mir vor kurzem irgendeine alberne Sendung auf VIVA angesehen, in der die Killerpilze aufgetreten sind. Dabei ist mir aufgefallen, daß der kleine süße Spatz ziemlich gewachsen ist (ich sag ja, vor den Sommerferien sind sie 1,60m und danach…). In dem Interview ist es natürlich auch um Schule gegangen, und wer wie gut ist, in der Schule. Offenbar ist der kleine Schlagzeuger ein richtiger kleiner Streber. Er ist in der 9. Klasse und seine schlechteste Note im letzten Zeugnis war eine 2. Und jetzt kommt das Beste, der Kleine macht G8.

Weißt Du, was G8 ist? Nicht jeder tut das, das weiß ich. G8 ist die Bezeichnung für die schlimmste Fehlentscheidung im deutschen Schulsystem. Um Schüler schneller in die freie Welt zu entlassen wurde die Gymnasialschulzeit einfach um ein Jahr gekürzt und der Stoff zusammengepresst. Das geht natürlich nicht, wenn man bereits um 13 Uhr aus der Schule kommt, von daher zwingt man den süßen Kleinen Nachmittagsunterricht auf. Über die letzten Monate hat es immer wieder Berichte gegeben, wie sehr die erste Generation von G8-Gymnasiasten unter dem Druck leiden. Umso beeindruckender ist es dann, daß der kleine Schlagzeuger so gut ist in der Schule, bedenkt man, was er neben der Schule so treibt.

Ich bin mir nicht sicher, daß ich die drei Jungs wirklich mag. Vielleicht sind sie arrogante kleine Bastarde, aber eins muß man dem Spatz am Schlagzeug lassen, man kann ihn als Vorbild nennen, wenn es um die schulische Ausbildung geht. Kinder, macht Euer Gymnasium, macht die Schule fertig! Ihr könnt nebenbei immer noch in einer Band spielen. Genau! Vergeßt den Gedanken, irgendeinen Schulabschluß übers Internet zu machen. Das ist albern, auch wenn es Euch nach Amerika zu MTV-Verleihungen bringt (die VMAs sind eh nicht mehr das, was sie mal waren).

Deine marta



Hallo Farin,

Du bist sicher froh, zu hören, daß ich den gestrigen Tag noch gut hinter mich gebracht habe, obwohl er nicht wirklich besser geworden ist. Es gibt Tage, da verliert man und es gibt Tage, da gewinnen die anderen.

Zwei Dinge habe ich allerdings noch entdeckt, die ich mit Dir teilen möchte. Du hast doch mal gesagt, “Geh mal wieder auf die Straße, geh mal wieder demonstrieren. Wer nicht mehr versucht, zu kämpfen, kann nur verlieren.” Von daher:

Einmal geht es um die Vorratsdatenspeicherung. http://www.vorratsdatenspeicherung.de/

Solltest Du am Samstag den 20.09. zufällig in München sein, könntest Du bei einer Demo mitlaufen, die gegen die Vorratsdatenspeicherung protestiert. Ich werde es wohl tun. Ich telefoniere zwar nicht mit Terroristen, fliege nicht in den Nahen Osten, um mich zum Terroristen ausbilden zu lassen (Warum eigentlich nicht? Ich sähe so cool aus in meinem Rebellenoutfit) und verschicke auch keine Bombendrohungen per Mail (obwohl mir genug Leute einfallen würden), trotzdem gehen meine Telefonate und mein Briefverkehr niemanden etwas an. Es geht auch niemanden etwas an, mit wem ich befreundet bin. Nicht einmal meine Mutter kennt alle meine Freunde (ein paar habe ich ihr aus gutem Grund nie vorgestellt), dann will ich mit Sicherheit nicht, daß der Staat weiß, mit wem ich mich treffe.  Auch nicht, wenn es zu meiner eigenen Sicherheit ist. Ich bin erwachsen, vielen Dank.

Ich habe keine Angst davor, daß Herr Schäuble meine Mails lesen könnte. Es geht mir darum, daß jemand, den ich kenne, meine Mails lesen könnte. Oder jemand, den ich nicht kenne, der mich aber sehr wohl wo interessant findet, daß er sich in meinen Briefverkehr einschaltet. Miss Paranoia ist wieder unterwegs.

Das klingt jetzt wichtigtuerisch, aber ich kenne einen Polizisten (eigentlich kenne ich sogar mehrere), der bei irgendeiner Spezialsonstwasabteilung arbeitet (so wirklich darf er nicht darüber reden, sagt er). Dieser junge Mann hätte Zugriff zu meinen Daten. So sehr ich ihn mag, es gibt Dinge, die gehen ihn nichts an. Tatsächlich hatte eine Freundin von mir mal was mit ihm und hat mir brühwarm alles darüber geschrieben. Nicht gut, wenn er das mitbekommt. Dummes Beispiel, das nichts mit dem Lauf der Welt zu tun hat, aber ich denke, Du weißt, worauf ich hinaus will.

Daher also mein Interesse an dem AK Vorratsdatenspeicherung (das ich nun im Internet bekunde, wo es auf ewig verzeichnet sein wird) und den Demos, die er organisiert. Da ist also einmal die Demo in München am Samstag ab 14 Uhr am Marienplatz.

Das ist dann aber nur eine Warm up-Demo. Von dieser Sorte gibt es drei. Am 27.09. findet Ähnliches in Braunschweig und am 28.09. in Leipzig statt. Kulminieren soll das Ganze dann in einem großen Aktionstag gegen die totale Überwachung am 11.10. in Berlin.

Das war das eine. Meine zweite Entdeckung verdanke ich meiner alten Hassliebe, SpiegelOnline. Dort habe ich einen klitzekleinen “einestages”-Artikel zum Thema Friedrich Flick gefunden. In dem Artikel geht es um ein Gymnasium, das da in Kreuztal liegt und das nach dem deutschen Industrieellen Flick benannt wurde, nachdem er dem Gymnasium eine Millionenförderung zugesichert hatte. Bedingung war eben jene Umbenennung der Schule in Friedrich Flick-Gymnasium. Einziges Problem ist, Friedrich Flick war ein Angeklagter bei den Nürnberger Naziprozessen. Er hatte seinen Reichtum hauptsächlich durch die Unterstützung der Nazis und seiner Ausbeutung von Zwangsarbeitern geschaffen. 1937 war er sogar zum Wehrwirtschaftsführer ernannt worden. 1947 kam dann die Verurteilung  zu einer  siebenjährigen Haftstrafe, von der Friedrich Flick aber nur drei Jahre absitzen mußte. Danach wurde er mit Unterstützung der Amerikaner erneut zum reichsten Mann Deutschlands und 1963 zum Träger des großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband.

Nun haben sich zwei ehemalige Schüler des Friedrich Flick-Gymnasiums zur Rebellion aufgerufen. Sie wollen, daß das Gymnasium umbenannt wird, oder daß zumindest kritisch über die Namengebung nachgedacht wird. Was sich in dieser Sache schon getan hat, kannst Du, lieber Farin, hier (http://www.flick-ist-kein-vorbild.de/) nachlesen. Auf dieser Seite befindet sich eine ausführliche Biographie, eine Auseinandersetzung mit den Vorgängen der letzten Zeit und eine Petition an den Bürgermeister des Ortes.

Im Gästebuch finden sich viele Pro und Kontra-Einträge zum Thema Naziverbrecher und Vergebung. Ich finde, damit sollte das alles nichts zu tun haben. Ich finde es eher problematisch, daß eine Schule käuflich ist. Wie kann eine Einrichtung, die eigentlich unabhängig sein sollte, so leicht ihre Identität aufgeben?

Vor einigen Jahren hat Otto Beisheim, seines Zeichens Gründer des Metro-Konzerns, versucht, sich das altehrwürdige Gymnasium Tegernsee zu “kaufen”. 10 Mio. EUR sollte das Gymnasium für den kleinen Preis eines neuen Namens bekommen. Obwohl der Bürgermeister von Tegernsee sehr dafür war, haben Gott sei Dank Schüler und Lehrer den Aufstand geprobt, vor allem auch, weil Beisheims Rolle im zweiten Weltkrieg nie ganz geklärt wurde. Beisheim war daraufhin beleidigt und hat die Stiftung zurückgezogen.

Für mich klingt dieses Schulekaufen immer ein bißchen nach Ablass. Martin Luther hat das angeprangert.

Liebe Grüße, marta

P.S.: Ich schreibe noch sehr wirr, oder? Das wird noch besser. Ich übe fleißig.



et cetera
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