Liebster Farin,
gehst Du gern ins Theater? Wir sollten mal zusammen gehen. Ich gehe wahnsinnig gerne, war jetzt aber schon ewig nicht mehr. Früher, mit 16, 17 war ich sehr oft. Meistens bin ich allein gegangen. Versteh mich nicht falsch, ich hatte Freunde, ich wollte aber allein ins Theater gehen. Ich war manchmal ein Einzelgänger, kein Wunder, habe ich doch das Leid der Welt auf meinen Schultern getragen… BLA! Nein, wirklich, ich war damals oft allein im Theater und ich habe viel Spaß gehabt. Ich weiß noch, daß ich mir damals König Lear angesehen habe. Nach etwa 20 Stunden (vielleicht auch 1 1/2) war dann Pause und ich habe im Hof eine Zigarette geraucht. Ein Mann Mitte 20 hat sich zu mir gestellt und wir haben uns darüber unterhalten, wie großartig das Stück ist und wie gut die Inszenierung ist. Mitten im Gespräch stockt der Mann plötzlich und fragt mich, welches Stück eigentlich gerade gespielt wird. Ja, das sind die Männer, die ich anziehe, wenn ich weggehe.
Ich habe mir überlegt, mal wieder ins Residenztheater zu gehen. Da sind eine Menge Schauspieler, die ich gerne mag, an vorderster Front Jens Harzer und Stefan Hunstein.

Kennst Du die beiden? Die sind so toll.
Ich weiß noch, daß ich mal in Viel Lärm um Nichts (damals noch in den Kammerspielen) war und vollkommen übersehen habe, daß auf der linken Seite der Bühne eine unbestimmte Anzahl an jungen Männern nackt durch einen Brunnen getanzt ist, weil Stefan Hunstein auf der rechten Seite gestanden ist und böse Taten geschworen hat. Du findest das jetzt wahrscheinlich nicht besonders aufregend, aber Du darfst nicht vergessen, wie alt ich war. Mit 16, 17 war doch jeder nackte Mann etwas aufregendes, zumindest für mich.
Und Jens Harzer ist so… wie soll ich das beschreiben? Wenn er von der Bühne spricht, dann fährt mir das durch Mark und Bein. Klingt das jetzt bescheuert? Total. Aber ich bin übrigens nicht die einzige, die das so sieht.
Über seine zusätzliche Salzburger Rolle 2004 in Eines langen Tages Reise in die Nacht von Eugene O’Neill schrieb die Süddeutsche Zeitung er habe James-Dean-Qualitäten, …dieser fiebrige Schauspieler mit der Aura eines seltsamen Heiligen… Harzer zuzusehen, ist suchtgefährdend. 2000 wurde er als Bester Nachwuchs für den Nestroy nominiert. 2003 erhielt er den Kurt-Meisel-Preis.
[...]
2008 wurde Harzer von der Jury der Fachzeitschrift Theater heute zum Schauschauspieler des Jahres ausgewählt.
Am Residenztheater sind natürlich noch eine Menge anderer Schauspieler, die ich gerne mag, aber die beiden bestimmen meinen Stückplan.
Weißt Du, wer auch in München Theater spielt? Maximilian Brückner, die coole Sau!

Er ist am Volkstheater. Eigentlich wollte ich Karten für Der Brandner Kaspar und das ewig’ Leben, aber das ist fast immer ausverkauft. Was soll’s? Wird es halt Peer Gynt, ist ja nicht so, daß ich wegen des Stücks gehe… Doch klar, nur wegen des Stücks, ja genau. Tralalalaalaaaa…
Hast Du eigentlich gesehen, daß Bully Herbig eine Filmversion vom Brandner Kaspar… gemacht hat? Oder er spielt da nur mit. So wie es auf den Plakaten ausgesehen hat, spielt er ausgerechnet den Boandlkramer, die Rolle, die nur Toni Berger und Maximilian Brückner zusteht. Nicht Bully. So!
Wahrscheinlich ist Maximilian Brückner total arrogant. Ich wäre es, wenn ich lauter Preise bekäme und jeder mich toll fände und ich der jüngste Tatort-Kommissar aller Zeiten wäre. Ja, ich würde zu den Leuten gehören, von denen andere sagen, daß der Erfolg sie total verändert hat. Ich würde Leute nicht mehr kennen und ihnen zeigen, wie weit unter mir sie stehen. Ich würde dafür sorgen, daß Leute, die ich kenne, aber die ich nicht mag (davon gibt es genug) rausgeschmissen werden. Und ich würde sie auslachen, HAHAHHAAHHAAAAAA…
Gut, aber ich schweife schon wieder ab.
Kennst Du eigentlich Christian Stückl?

Der Mann hinterläßt immer einen leicht seltsamen Eindruck, wenn man ihn das erste Mal sieht. Bei Interviews (und vielleicht auch so) trägt er oft einen Trachtenjanker, seine Stimme überschlägt sich vor Aufregung, er lacht oft irritierend und viel über Dinge, die nicht komisch sind… Irgendwie strange einfach. Ich würde sagen, sähe ich ihn in irgendeiner bairischen Wirtschaft, ich bin mir nicht sicher, ob ich mich zu ihm setzen würde. Aber dann erfährt man, daß der Mann Intendant des Münchner Volkstheaters (das da Maximilian Brückner unter Vertrag hat, falls ich es noch nicht erwähnt habe) ist, Spielleiter bei den Oberammergauer Passionsspielen, Regisseur des Jedermann bei den Salzburger Festspielen, und nicht zu vergessen, der Mann ist, der 2006 die Eröffnungsfeier der WM inszeniert hat. Es kann ihm also vollkommen egal sein, wie seltsam ihn andere Menschen finden. Ich bin ein bißchen neidisch. Ich bin einfach nur seltsam, ohne tausend tolle Sachen in der Hinterhand.
Nur eines trage ich Christian Stückl nach.

Ist mir egal, ob es Kunst ist, das hätte man mir nie nie nie antun dürfen. Niemals! Es ist einfach falsch, falsch, falsch! Das ist Maximilian Brückner, Mann! Und er trägt Chaps über nen goldenen Glitzerslip! Falsch! Falsch! Falsch!
…
Aaaaah, Theater, Theater, der Vorhang geht auf… Ein gut gespieltes Theaterstück macht mich immer ganz… ich kann’s nicht erklären, aber es hinterläßt auf jeden Fall einen bleibenden Eindruck. Unmittelbar danach bin ich oft nicht ansprechbar, weil ich nur hysterisch kichere oder nur vor mich hinstarre und vor Aufregung zittere. So manch einer mag denken, ich sei nicht ganz richtig im Kopf, wenn er mich so sieht. Aber was soll ich sagen? Ich bin eben leicht zu beeindrucken.
Soll ich Dir mal meinen lustigsten Theaterabend erzählen. Der Tag, Silvester vor etwa 1.000 Jahren. Ich, mitten in der Pubertät, habe auf meine nette und vollkommen unaufdringliche Art versucht, meine Mutter dazu zu bewegen, mit mir und meiner Schwester mal eben so nach London zu fliegen, um das neue Jahr da zu begrüßen. Sie ist nicht so wirklich darauf eingegangen. Als Ersatz hat sie vorgeschlagen, wir könnten doch ins Theater und dann zur Bavaria gehen, und was soll ich sagen? Sie saß am längeren Hebel mit ihrer Kreditkarte und allem.
Also, Macbeth in einem Werkstatt-Theater. Macbeth hatte eine Margendarmgrippe und ist mitten unterm Stück von der Bühne gelaufen. Lady Macbeth hat gelispelt (“Kommet Geissster, die Ihr laussst auf Mordgedanken und entweibt mich hier…”), was nicht so schlimm gewesen wäre, hätte sie nicht auch eine der Hexen gesprochen („Wann ssssehen wir drei unssss wieder? Bei Donner, Blitssss oder Regen?“ – Aber ich darf keine Witze über sie machen, ich neige zum Stottern). Duncan hatte ziemliche Segelohren und wurde die ganze Zeit von hinten mit grünem Licht angestrahlt. Was noch? Ach ja, wer auch immer die Kontrolle über die Nebelmaschine hatte, war entweder hackedicht oder hat extrem viel Spaß an Nebel. Zwischenzeitlich waren Bühne und Zuschauerraum so eingenebelt, daß man nichts mehr gesehen hat (außer einem grünen Schimmer aus Richtung der Bühne). Ach, was haben wir gelacht. Die Schauspieler übrigens auch. Etwas anderes ist ihnen irgendwann nicht mehr übrig geblieben.
Im nächsten Jahr wollten wir wieder in das selbe Theater gehen, weil es uns so gut gefallen hat. Leider ist die Vorstellung am Silvesterabend aber ausgefallen, weil sich der Hauptdarsteller (derselbe, der Macbeth war) just an diesem Tag das Bein beim Motorradfahren (mitten im Winter!) gebrochen hatte.
Deine marta