Liebster Farin,
hast Du es gelesen oder davon gehört? Marcel Reich-Ranicki sollte einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk bekommen, hat ihn dann aber unter großen Getöse abgelehnt.
Reich-Ranicki philosophierte auf der Bühne zunächst über zahlreiche Preise, die er schon erhalten habe und sagte dann, er sei diesmal in einer schwierigen Situation. Und dann: “Ich nehme diesen Preis nicht an”, so Reich-Ranicki. Er gehöre nicht hier her. Zunächst glaubte mancher an einen Scherz. Doch es war keiner. Reich-Ranicki: “Ich gehöre nicht in die Reihe dieser Preisträger.”
Das ist schon eine wirklich schwere Woche für Herrn Reich-Ranicki. Erst trifft das Nobelkommitte eine Entscheidung, mit der Reich-Ranicki nicht einverstanden ist und dann wird er auch noch mit so einem Ärgernis belästigt. Und das war ja auch überhaupt nicht absehbar. Nein, nein, nein, daß diese ganze Veranstaltung vollkommener Schwachsinn sein würde, war überhaupt nicht abzusehen.
Oder vielleicht doch? Zwei Hinweise hätte es da eventuell doch gegeben.
1) Thomas “Busenwitz” Gottschalk war als Moderator vorgesehen
2) Die Nominierungen waren zum Teil unter aller Sau
Ich spreche jetzt nicht von den Nominierungen für die Kategorien “Bester Fernsehfilm/Mehrteiler” oder “Beste Dokumentation”. Mir geht es um “Beste Realitysendung” (es ist fast wie Kratzen mit langen Fingernägeln auf einer Tafel, findest Du nicht?). Erstens ist die Kategorie als solches eine Frechheit und zweitens werden da Sendungen wie “Die Ausreißer” mit “Deine Chance! 3 Bewerber – 1 Job” gleichgesetzt.
Hast Du eine von den Sendungen mal gesehen? “Die Ausreißer” ist tatsächlich eine gute, vielleicht auch wichtige Sendung, da sie auf obdachlose Jugendliche aufmerksam macht (Ein Sozialarbeiter, dem man deutlich ansieht, daß es nichts gibt, was dieser Mann noch nicht gehört hat, sucht nach Jugendlichen, die von daheim weggelaufen sind). “Deine Chance…” ist eigentlich eine ganz einfache Castingshow. Drei Kandidaten (“Das ganze Leben ist ein Quiz…” – das Leben immitiert mal wieder die Kunst) treten gegeneinander an, wenn es darum geht, ihren “Traumjob” zu bekommen (man kann mir erzählen, was man will, ich glaube einfach nicht, daß so viele Menschen wirklich Nageldesigner werden wollen). Das ganze ist ein Schaukampf, so wie alle Castingsendungen, einschließlich der Menschenverachtung. Vor jeder Aufgabe werden die Kandidaten oder Bewerber gefragt, wie sie sich einschätzen, bevor gezeigt wird, wie sie dann tatsächlich abgeschnitten haben. Oft sagen die Damen und Herren, daß sie überzeugt sind, bei der nächsten Prüfung sehr gut abzuschneiden, weil sie sozial ja so unheimlich viel drauf haben/beim Entwerfen von Nageldesigns schon immer gut waren/die anderen so schlecht abschneiden werden, daß sie selbst gut dastehen werden. Natürlich läuft es so nie. Immer versagen die Kandidaten genau bei dieser Prüfung und werden durch einen gehässigen Spruch des Sprechers für ihre Überheblichkeit abgestraft.
Natürlich müssen sich das Leute gefallen lassen, wenn sie freiwillig Teil einer solchen Sendung sind, aber nur, weil es so ist, muß ich sie doch nicht unbedingt danach behandeln, oder? Sag mir, wenn ich falsch liege, aber wir reden hier von 17- bis 21-Jährige, die oft schon geraume Zeit nach Lehrstellen gesucht haben. Und die Sendung nutzt ihre Verzweiflung schamlos aus.
Den Kandidaten wird zu Beginn der Sendung ein bestimmtes Profil gegeben, um zu zeigen, wie unterschiedlich die drei sind. Da gibt es dann gerne mal die Schüchterne, die gegen den Selbstsicheren und die immer Lustige antritt. Und wenn sich die Damen und Herren mal nicht entsprechend ihrer Rollen verhalten, werden die Aufnahmen einfach so zusammengeschnitten, daß es schon irgendwie paßt. Daß die drei nach der Sendung mit den Stempeln, die sie aufgedrückt bekommen haben, leben müssen, ist dem Sender herzlich egal. Aber warum sollte es ihn auch bedrücken, wird er doch mit einer Nominierung für den Deutschen Fernsehpreis belohnt.
Das bringt uns dann auch wieder zurück zu Marcel Reich-Ranicki. Habe ich schon erwähnt, daß ich den Mann mal unheimlich bewundert habe? Wirklich. Mein einziger richtiger Kontakt zur deutschen Literaturszene war dieser Mann. Hast Du sein Buch gelesen? Ich war selten so beeindruckt. Wie kann man so in deutscher Literatur aufgehen, obwohl das Land einen fast getötet hat? Solltest Du das Buch noch nicht gelesen haben, lies es. Warte nicht auf den Film, denn dem wird es nicht möglich sein, das Geschehene angemessen rüberzubringen. Abgekommen von Reich-Ranicki bin ich erst, als ich ihn mal bei der Feier zu einer weiteren Ehrendoktorwürde für ihn erlebt habe, und oh mein Gott, hat der sich schlecht benommen. Ehrlich, das war unglaublich. Nach den ganzen Reden ging man über zum Sektempfang, und da wollten natürlich einige Menschen (es haben im Ganzen nur drei gewagt) mit dem Ehrengast reden, ihn wissen lassen, daß sie existieren. Und weißt Du, was der Mann gemacht hat? Er hat uns ignoriert! Uns alle! Wir haben ihn angesprochen, aber er hat sich nicht einmal umgedreht, sondern ist einfach gegangen. Ich verstehe, daß ständig irgendwelche Menschen etwas von ihm wollen und daß das sicherlich sehr nervtötend ist, aber trotzdem sollte man seine gute Manieren nicht vergessen, kosten sie doch nichts. Mein Schatten ist zu groß, als daß ich in dieser Sache darüber springen könnte. Gute Manieren sind mir wichtig, und wer sich für so wichtig hält, daß er sie nicht zeigen muß, kann mir gestohlen bleiben. SO! Du denkst jetzt sicher, daß ich nur beleidigt bin, weil er mich ignoriert hat, aber um mich geht es mir ausnahmsweise mal nicht. Er hat eine Mutter ignoriert, die ihren etwa 12-jährigen Sohn dabei hatte. Du hättest den Blick des Jungen sehen sollen, er war wirklich aufgeregt, und dann sehr enttäuscht.
Aber zurück zum Deutschen Fernsehpreis. Elke Heidenreich war auch da.
Empört ist Heidenreich, die im Publikum der Show saß, vor allem auch über den respektlosen Umgang mit dem 88-jährigen Großkritiker: “Ich dachte, was für eine Zumutung diese armselige, grottendumme Veranstaltung für ihn sein müsse. In jeder Hinsicht – einen so alten Mann lässt man nicht derart lange warten, und man mutet einem so intelligenten Mann nicht einen solchen stundenlangen Schwachsinn in hässlicher Kulisse zu.”
Ich muß ganz ehrlich sagen, daß ich es auch von ihr vollkommen albern finde, sich so zu echauffieren. Hätten ja alle schon vor der Veranstaltung ihre Meinung sagen können, dann wäre ihr ganzer Protest glaubhafter gewesen. Aber vielleicht ist man einfach ein kleines bißchen zu auszeichnungsgeil, um sich im Vorfeld über die Veranstaltung und über die Nominierungen zu informieren. Und dann, als klar war, daß das alles ein ziemlicher Blödsinn ist, mußte man irgendwie sein Gesicht wahren. Am besten durch einen albernen Skandal. Das hat Jenny Elvers früher auch so gemacht.
Deine marta
P.S.: Die Gewinner sind jetzt übrigens bekannt. Veronica Ferres ist unter ihnen. Bin ich zu dumm, ihr Genie zu erkennen, oder ist sie einfach keine gute Schauspielerin? Ich denke, sie ist das beste Beispiel, daß es sich lohnt, mit wichtigen Filmleuten zusammen zu sein. Dann kann man sich irgendwann auch ungestraft so wichtig machen, ohne auch nur ein Funken Talent zu haben.
P.P.S.: Ich habe noch einen schönen Artikel zu dem Thema gefunden (schön nicht nur, weil er meine Überzeugungen teilt). Darin heißt es,
Welch Ironie: Ausgerechnet der Dieter Bohlen der Literaturkritik schlug am Samstagabend mit seiner Kritik am deutschen Fernsehen wieder einmal so derart über die Stränge, dass sich alle über ihn empörten – und Marcel Reich-Ranicki wieder sichtlich glücklich ganz in seinem Element war. Dabei wäre es nicht verkehrt gewesen, handfeste Kritik am Deutschen Fernsehpreis zu üben.
Doch Reich-Ranicki machte aus seiner Rede gleich eine Pauschal-Kritik am deutschen Fernsehen, die eins beweist: Er kennt das deutsche Fernsehen, durch das er selbst erst große Berühmtheit erreichte, nicht mehr. Seine Kritik am gesamten deutschen Fernsehen anhand einiger fragwürdiger Auszeichnungen bei der 10. Verleihung des Deutschen Fernsehpreises – sie ist willkürlich. Denn auch in der Literatur kann ich an die falschen Bücher geraten – und würde nicht auf die Idee kommen, den Buchdruck oder das Medium zu verteufeln.
