Lieber Farin…











Hallo Farin,

ich wollte Dir nur kurz erzählen, wie es beim Demonstrieren war. Cool war es! Wirklich cool! Wir haben sehr viel Spaß gehabt, und bei mir sind wieder mal mütterliche Gefühle hochgekommen. Da waren drei höchstens 14-Jährige, die mitdemonstriert haben wie die Großen. Die waren so putzig! Das waren nicht die 0815-politisch interessierten 14-Jährigen, die man auf jeder Schule findet und die auf ihre Rucksäcke “Gegen Nazis”-Aufnäher pinnen. Das waren drei perfekte kleine 14-Jährige, die noch die Sachen tragen, die ihre Mamis ihnen gekauft haben und die laute Dreschmusik nicht mögen. Alle drei hatten selbstgebastelte Schilder, die sie mit Stabilos und Füller bemalt hatten.

Das war der Enthusiasmus, den ich sehen will, den ich auch gerne bei meinen Freunden gesehen hätte, aber von denen ist keiner mitgekommen. Nicht alle haben sich gedrückt, manche waren heute einfach nicht in der Nähe. Der Rest hat nicht einmal auf meine Nachrichten reagiert. Das ärgert mich. Jedes Mal, wenn ich denen mit meinen Idealen komme, übergehen sie das einfach so. Ich würde mich weniger ärgern, wenn sie mir einfach antworten würden, daß ihnen meine Ideale und unsere Grundrechte egal sind, aber das würden sie niemals tun. Die sollen noch mal mitkommen und bei den Ärzten laut mitgrölen, daß Revolution auf ihren Fahnen stand. Dann muß ich sie leider ein bißchen würgen. Heute ist mir wirklich kurz der Gedanke gekommen, daß meine Freunde Teil des Problems sind, weil sie sich weigern, Teil der Lösung zu sein. Dann ist mir aber eingefallen, was für ein dämlicher 68′er Spruch ist.

Dabei kann ich nicht verstehen, wie man es nicht mögen kann, zu demonstrieren. Ich habe da immer sehr viel Spaß. Und es hat ja eigentlich auch nur Vorteile: man bekommt viel frische Luft, weil man einen schönen Spaziergang macht, bei dem man auch noch auf Straßen laufen darf, die normalerweise nur Autos vorbehalten sind (und wen begeistert es nicht, mitten auf der Straße zu laufen?). Man trifft viele Menschen, die die gleichen Überzeugungen wie man selbst haben und man hört sich mehr oder weniger gut gehaltene Reden zu interessanten Themen an.

Das einzige, was mich an Demos nervt, sind die kleinen dummen Teenies, die einfach nur mitkommen, weil sie meinen, man müßte auf ne Demo gehen, weil das halt cool ist. Das sind dann meistens so kleine Punks. Nichts gegen Punks, normalerweise mag ich Punks, aber viele von denen sind echt dumm, wirklich dämlich. Ich weiß nicht, woher das kommt. Vielleicht schrauben die ihre Hirntätigkeiten einfach runter, oder aber Bier ist daran schuld. Keine Ahnung. Auf jeden Fall kommen sie sich total geil vor, wenn sie mitmarschieren, wissen aber dann nicht, worum es geht. Können sie auch nicht, weil sie nicht zuhören. Stattdessen diskutieren sie ihre Haarfarben und -Styles. Das ist nicht das, was John Lydon damals gemeint hat, nur so zur Information. Für ihn hatte Punk nichts mit Uniformen zu tun, sondern mit Individualität. Die kleinen Möchtegerndemopunks haben aber nichts individuelles. Schade eigentlich.

Und was ich noch sehr albern finde, sind die Jungs und Mädels, die der Meinung sind, sie müßten auf schwarzen Block machen. Ich weiß ja nicht, lieber Farin, ob Du schon mal in München auf einer Demonstration warst, aber hier geht es eher ruhig zu. Hier kommt es eigentlich nicht zu Schlägereien. Vor allem nicht, wenn man zu einer Demonstration gegen die Vorratsdatenspeicherung geht. Da ist die Polizei auch eher gelassen (im Vergleich zur Berliner Polizei ist die Münchner komplett entspannt, das weiß ich seit meinem letzten Besuch in Berlin – der erste Platzverweis meines Lebens und ich hab nicht mal mitdemonstriert!!). Und diese Jungs und Mädels gehen dann auf harmlose Demonstrationen, setzen aber dann Kapuze und Sonnenbrille auf und ziehen ihre PLO-Tücher bis über die Nase. Das wirkt dann immer nur lächerlich, weil ja auch gerne ältere Leute bei diesen Demos mitlaufen, die kein Interesse daran haben, Pflastersteine zu werfen (warum auch?) und Nazis sind ja auch eher gegen die Vorratsdatenspeicherung, die werden also auch nicht plötzlich angreifen. Mir fällt gerade ein, vielleicht haben die heute mit CSUlern aus dem Hinterhalt gerechnet… Wie gesagt, die sind echt albern. Man muß ihnen dann immer sagen, daß wir uns nicht verstecken, weil wir zu unseren Überzeugungen stehen und daß sie ihre Halstücher aus dem Gesicht nehmen sollen.

Aber sonst, Demos sind wirklich zu empfehlen. Allein die Spannung und Aufregung, wenn es endlich losgeht. Da lohnt sich doch wirklich das Aufstehen.

marta



Nochmal ich,

heute hat es ein großes Streitgespräch zwischen Günther Beckstein und Franz Maget gegeben und es wurde live vom BR übertragen. Der BR kämpft ja manchmal hingebungsvoller, manchmal weniger hingebungsvoll gegen seine Ruf als Haussender der CDU, deswegen haben sich die Damen und Herren dort heute besondere Mühe gegeben, beiden Kontrahenten, die gleiche Redezeit einzuräumen, was sie auch mehr oder weniger geschafft haben.

Weißt Du, was mich aber ziemlich gestört hat? WIR HABEN KEIN ZWEIPARTEIENSYSTEM IN BAYERN!!! Wo waren die anderen Herausforderer? Mich interessiert, was Sepp Daxenberger oder Martin Zeil oder Hubert Aiwanger gesagt hätten. Mich hätte wohl nicht interessiert, was so manch anderer gesagt hätte, aber die hätte man theoretisch auch zu Wort kommen lassen müssen, wenn man seine Zuseher gut informieren will.

Naja, wenn es Dich interessiert, kannst Du Dich ja hier über das große TV-Duell informieren.

Wenn Du Dich weiter über die Landtagswahlen bei uns informieren möchtest (kann ja sein), empfehle ich Dir das hier. Auf dieser Seite findet sich so allerlei Wissenswertes über die Wahlen, die Parteien, die Spitzenkandidaten, etc.

So, und ach ja, das noch mal zur Erinnerung:

http://www.freiheit-weiss-blau.de/

marta



Hallo Farin,

Du bist sicher froh, zu hören, daß ich den gestrigen Tag noch gut hinter mich gebracht habe, obwohl er nicht wirklich besser geworden ist. Es gibt Tage, da verliert man und es gibt Tage, da gewinnen die anderen.

Zwei Dinge habe ich allerdings noch entdeckt, die ich mit Dir teilen möchte. Du hast doch mal gesagt, “Geh mal wieder auf die Straße, geh mal wieder demonstrieren. Wer nicht mehr versucht, zu kämpfen, kann nur verlieren.” Von daher:

Einmal geht es um die Vorratsdatenspeicherung. http://www.vorratsdatenspeicherung.de/

Solltest Du am Samstag den 20.09. zufällig in München sein, könntest Du bei einer Demo mitlaufen, die gegen die Vorratsdatenspeicherung protestiert. Ich werde es wohl tun. Ich telefoniere zwar nicht mit Terroristen, fliege nicht in den Nahen Osten, um mich zum Terroristen ausbilden zu lassen (Warum eigentlich nicht? Ich sähe so cool aus in meinem Rebellenoutfit) und verschicke auch keine Bombendrohungen per Mail (obwohl mir genug Leute einfallen würden), trotzdem gehen meine Telefonate und mein Briefverkehr niemanden etwas an. Es geht auch niemanden etwas an, mit wem ich befreundet bin. Nicht einmal meine Mutter kennt alle meine Freunde (ein paar habe ich ihr aus gutem Grund nie vorgestellt), dann will ich mit Sicherheit nicht, daß der Staat weiß, mit wem ich mich treffe.  Auch nicht, wenn es zu meiner eigenen Sicherheit ist. Ich bin erwachsen, vielen Dank.

Ich habe keine Angst davor, daß Herr Schäuble meine Mails lesen könnte. Es geht mir darum, daß jemand, den ich kenne, meine Mails lesen könnte. Oder jemand, den ich nicht kenne, der mich aber sehr wohl wo interessant findet, daß er sich in meinen Briefverkehr einschaltet. Miss Paranoia ist wieder unterwegs.

Das klingt jetzt wichtigtuerisch, aber ich kenne einen Polizisten (eigentlich kenne ich sogar mehrere), der bei irgendeiner Spezialsonstwasabteilung arbeitet (so wirklich darf er nicht darüber reden, sagt er). Dieser junge Mann hätte Zugriff zu meinen Daten. So sehr ich ihn mag, es gibt Dinge, die gehen ihn nichts an. Tatsächlich hatte eine Freundin von mir mal was mit ihm und hat mir brühwarm alles darüber geschrieben. Nicht gut, wenn er das mitbekommt. Dummes Beispiel, das nichts mit dem Lauf der Welt zu tun hat, aber ich denke, Du weißt, worauf ich hinaus will.

Daher also mein Interesse an dem AK Vorratsdatenspeicherung (das ich nun im Internet bekunde, wo es auf ewig verzeichnet sein wird) und den Demos, die er organisiert. Da ist also einmal die Demo in München am Samstag ab 14 Uhr am Marienplatz.

Das ist dann aber nur eine Warm up-Demo. Von dieser Sorte gibt es drei. Am 27.09. findet Ähnliches in Braunschweig und am 28.09. in Leipzig statt. Kulminieren soll das Ganze dann in einem großen Aktionstag gegen die totale Überwachung am 11.10. in Berlin.

Das war das eine. Meine zweite Entdeckung verdanke ich meiner alten Hassliebe, SpiegelOnline. Dort habe ich einen klitzekleinen “einestages”-Artikel zum Thema Friedrich Flick gefunden. In dem Artikel geht es um ein Gymnasium, das da in Kreuztal liegt und das nach dem deutschen Industrieellen Flick benannt wurde, nachdem er dem Gymnasium eine Millionenförderung zugesichert hatte. Bedingung war eben jene Umbenennung der Schule in Friedrich Flick-Gymnasium. Einziges Problem ist, Friedrich Flick war ein Angeklagter bei den Nürnberger Naziprozessen. Er hatte seinen Reichtum hauptsächlich durch die Unterstützung der Nazis und seiner Ausbeutung von Zwangsarbeitern geschaffen. 1937 war er sogar zum Wehrwirtschaftsführer ernannt worden. 1947 kam dann die Verurteilung  zu einer  siebenjährigen Haftstrafe, von der Friedrich Flick aber nur drei Jahre absitzen mußte. Danach wurde er mit Unterstützung der Amerikaner erneut zum reichsten Mann Deutschlands und 1963 zum Träger des großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband.

Nun haben sich zwei ehemalige Schüler des Friedrich Flick-Gymnasiums zur Rebellion aufgerufen. Sie wollen, daß das Gymnasium umbenannt wird, oder daß zumindest kritisch über die Namengebung nachgedacht wird. Was sich in dieser Sache schon getan hat, kannst Du, lieber Farin, hier (http://www.flick-ist-kein-vorbild.de/) nachlesen. Auf dieser Seite befindet sich eine ausführliche Biographie, eine Auseinandersetzung mit den Vorgängen der letzten Zeit und eine Petition an den Bürgermeister des Ortes.

Im Gästebuch finden sich viele Pro und Kontra-Einträge zum Thema Naziverbrecher und Vergebung. Ich finde, damit sollte das alles nichts zu tun haben. Ich finde es eher problematisch, daß eine Schule käuflich ist. Wie kann eine Einrichtung, die eigentlich unabhängig sein sollte, so leicht ihre Identität aufgeben?

Vor einigen Jahren hat Otto Beisheim, seines Zeichens Gründer des Metro-Konzerns, versucht, sich das altehrwürdige Gymnasium Tegernsee zu “kaufen”. 10 Mio. EUR sollte das Gymnasium für den kleinen Preis eines neuen Namens bekommen. Obwohl der Bürgermeister von Tegernsee sehr dafür war, haben Gott sei Dank Schüler und Lehrer den Aufstand geprobt, vor allem auch, weil Beisheims Rolle im zweiten Weltkrieg nie ganz geklärt wurde. Beisheim war daraufhin beleidigt und hat die Stiftung zurückgezogen.

Für mich klingt dieses Schulekaufen immer ein bißchen nach Ablass. Martin Luther hat das angeprangert.

Liebe Grüße, marta

P.S.: Ich schreibe noch sehr wirr, oder? Das wird noch besser. Ich übe fleißig.



et cetera
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